Meister der Angst - 2 - Der seltsame Fall des Dr. Jekyll & Mr. Hyde

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    • Meister der Angst - 2 - Der seltsame Fall des Dr. Jekyll & Mr. Hyde


      Meister der Angst
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      Der seltsame Fall von Dr. Jekyll & Mr. Hyde



      Der ehrgeizige Wissenschaftler Henry Jekyll spürt bei seinen Experimenten den dunklen Anteilen seiner selbst nach und verliert schließlich die Kontrolle über das, was er in sich entfesselt hat: das absolut Böse.

      Die herausragendsten Werke der Literaturgeschichte lasse sich nicht selten in einem knappen Satz zusammenfassen, und doch sind sie in ihrer Ausgestaltung so vieldeutig und tiefsinnig, dass sie die Türen zu Gedankenpalästen eröffnen. So auch dieses Werk von Robert Louis Stevenson, das die Mediabühne Hamburg im Jahre 2012 für den Verlag Random House vertont hat. Es handelt sich hierbei um die zweite Veröffentlichung innerhalb der Reihe Meister der Angst, die zeitgleich mit der Auftaktfolge Jack the Ripper herausgebracht wurde.

      Eine so altbekannte Geschichte wie Jekyll & Hyde vertonen zu wollen, um der Geschichte vielleicht sogar noch ein paar neue Facetten entlocken zu können, erscheint zunächst als Unterfangen, an dem man mit an Sichergeit grenzender Wahrscheinlichkeit scheitern muss. So oft ist dieser Stoff bereits in Bild und Ton verarbeitet worden, als Hörspiel dürfte die Version aus der Reihe Gruselkabinett eine der bekanntesten sein, man könnte versucht sein, mit einem Gähnen über dieses Hörspiel hinwegzugehen und es als eines der Werke zu betrachten, die die Welt nicht mehr brauchte.

      Aber was für ein Fehler wäre das!

      Die vorliegende Vertonung der Geschichte um den ehrbaren Wissenschaftler Jekyll und sein dämonisches Alter ego Hyde ist mit Abstand die gelungenste, die sich denken lässt. Vor allem aber lässt sie die Umsetzung der Titania Medien um Längen hinter sich. Wo die eine in ruhig-gediegener Atomsphäre die wichtigsten Eckpfeiler von Stevensons Handlung passiert, brennt die Mediabühne ein wahres atmosphärisches Feuerwerk ab, das mich als Hörer denken lässt, ich hörte diesen Stoff heute zu allerersten Mal.

      Allein die Wahl der Hauptsprechers ist eine Wucht für sich. Andreas Fröhlich gibt seinen Jekyll mit jovialer Milde. Er zeigt uns einen rechtschaffenen Menschen und angesehenen Bürger, der jedermann für sich einzunehmen weiß – und dem man kaum glauben kann, wenn er schildert, dass auch in ihm düstere Triebe walten. Doch später, wenn seine Versuche fruchten und das Böse aus ihm hervorbricht, wenn aus Jekyll plötzlich Hyde wird, ein triebhaftes und nicht selten durch und durch böswilliges Wesen, das Freude am Schmerz anderer und am hemmungslosen Eigennutz hat, bricht sich auch stimmlich das Böse Bahn, und Fröhlich versteht es meisterlich, das moralische Ringen in diesem Zwitterwesen aus Jekyll und Hyde in seiner Stimme abzubilden. Die Hemmschwelle sinkt, wenn die Grenze des Unsagbaren zum ersten Mal überschritten ist, und so ist es denn auch folgerichtig Hyde, der irgendwann die Oberhand gewinnt, und Andreas Fröhlich weiß dies erstklassig darzustellen. Besser geht es nicht.

      Allein die erste Szene, in der sich Jekyll in Hyde verwandelt, ist ein echter Highlightmoment. So intensiv und düster habe ich das noch nie umgesetzt gesehen oder gehört. Jemand verglich die Stimme Hydes während der Verwandlung mit der, die Fröhlich seinem Gollum in der Herr der Ringe-Synchronisation gegeben hat, und es ist nicht ganz von der Hand zu weisen, dass es da eine gewisse Ähnlichkeit gibt, aber gerade das fand ich genial, denn seine Stimme klingt wie das, was sie sein soll: wie das Triebhafte, das eisern verdrängt, in den Tiefen des Seele schlummerte und sich nun mühsam an die Oberfläche kämpft und nach Luft ringt. Diese Art von Hervorbrechen des Bösen habe ich so zuvor noch nie gehört, und ich finde diese Szene so düster und so packend umgesetzt, dass dieses Hörspiel es schon allein mit ihr auf Anhieb zu einem meiner Lieblingshörspiele geschafft hat.

      Die Handlung ist an keiner Stelle langweilig. Hier plätschert nichts einfach nur vor sich hin. Hier stimmt jeder Satz. Keine Redundanzen. Sehr oft sind die Spielszenen mit Musik unterlegt – was für mich immer eine gewagte Sache ist, denn wenn die Musik nicht auf die jeweilige Szene abgestimmt ist, kann die Musik schnell zu nervigem Hintergrundklimpern verkommen, wie bei anderen, fest etablierten Reihen oft zu bemerken ist. Hier jedoch funktioniert dieser Kniff überraschend gut – vor allem auch weil spürbar ist, dass die Musik nicht einfach unter die Handlung gelegt wurde, sondern man auch stets darauf geachtet hat, Wendungen innerhalb der Szenen entsprechend zu berücksichtigen, wirkmächtige Pausen zu setzen usw. So wirkt die Inszenierung niemals beifällig oder unbedacht, sondern zu jeder Zeit auf dem Punkt und wohlkomponiert.

      Die Sprecherinnen und Sprecher machen ausnahmslos einen hervorragenden Job, und die Regie schafft es auf beeindruckende Weise, selbst aus Sprechern, die hin und wieder dazu neigen, aus der Rolle zu fallen oder des Guten zu viel in ihre Darstellung zu legen, eine hervorragende Leistung herauszukitzeln: Dies trifft sowohl für Klaus Dittmann als auch für Robert Missler und Patrick Bach zu. Den Cast ergänzen noch Sprechergrößen wie Frank Glaubrecht und Wolf Frass. Peter Weis, der heute in gefühlt jeder Folge der Konkurrenzreihe Gruselkabinett zu hören ist, hatte damals noch einen seiner eher selteneren Auftritte. Auch er meistert seine Rolle als Anwalt Utterson hervorragend.

      Bemerkenswert ist, dass diese Umsetzung der Erzählung sehr nahe an der Vorlage bleibt und keinerlei effekthascherischen Todesfälle hinzudichtet, um die Handlung noch zusätzlich zu dramatisieren, wie andere Bearbeitungen des Stoffes es getan haben, und dennoch eine viel größere Intensität und Spannung erschafft als jede andere Vertonung dieser Geschichte. Das ist um so beeindruckender, als die Grundpfeiler des Plots ja zur Genüge bekannt sein dürften und größere Überraschungen kaum zu erwarten sind.

      Alles in allem also für mich ein echtes Hörspiel der Spitzenklasse. Wer die Geschichte um den verirrten Wissenschaftler und seinen bösen Widerpart mag, dem sei diese Vertonung der Mediabühne Hamburg wärmstens ans Herz gelegt. Ein weiteres Mal kann man nur tief bedauern, dass die Produktionsbeteiligten sich mittlerweile aus dem Hörspielgeschäft zurückgezogen haben, um sich voll und ganz dem Theater zuzuwenden. Im Vergleich zu vielen, was derzeit auf dem deutschen Hörspielmarkt zu hören ist, spürt man hier sehr großes Geschick und außerordentliches Talent. Ich denke, hier wäre noch einiges an echten Hörspiel-Perlen zu erwarten gewesen. Vielleicht besinnt sich ja mal ein Hörspielproduzent und gibt diesem Team noch mal eine Chance zu zeigen, was in ihm steckt.

      Nichts weniger als hervorragend. Besser geht’s nicht!


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