Der Prinz und der Bettler

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    • Der Prinz und der Bettler

      Angeregt durch eine Frage von @DarkPaganini :winke2: habe ich mich entschlossen, diesem Hörspiel eine umfassende Rezension zu spendieren.
      Viel Spaß beim Lesen!
      (für Korrekturen und Anmerkungen bin ich wie immer sehr dankbar :hutheb: )



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      Der Prinz und der Bettler / CRYSTAL / LP & MC


      Vorbemerkungen:
      Wie viele seiner Werke, gehört auch Mark Twains (30.11.1835 - 21.04.1910) "The Prince and the Pauper"(so der englischsprachige Originaltitel) zu den Klassikern der Kinder- und Jugendliteratur. Der Roman erschien erstmals 1881 in Canada und ein Jahr später schliesslich auch in den USA. Das Buch war zwar ein unglaublicher Erfolg und bis zu seiner Veröffentlichung in Deutschland bereits vier mal verfilmt worden (1909, 1915, 1920 & 1937), aber hier zu Lande musste man bis 1956 warten, bevor es zu einer deutschsprachigen Buchausgabe kam. Auch nach 1956 gab es noch mehrere Verfilmungen, die dann auch bei uns zu sehen waren. Zu den bekanntesten dürfte die Walt Disney TV Version von 1962 zählen (gedreht in den berühmten Shepperton Studios in England), ursprünglich ein Dreiteiler, der meines Wissens nach inzwischen nur noch als zusammengeschnittene Spielfilmversion erhältlich ist.
      Bereits Anfang der 1970er Jahre erschienen bei uns die ersten Hörspieladaptionen, mit variierenden Titeln. So wurde die Geschichte mal unter dem Titel "Prinz und Bettelknabe"(Ariola) und mal als "Der Prinz und der Bettelknabe"(PEG) in die heimischen Kinderzimmer gebracht. In den 1990er Jahren wurde die Handlung noch zwei mal auf MC veröffentlicht, einmal von Disney ("Der Prinz und der Bettelknabe") mit Micky Maus in der Hauptrolle und dann von Junior, die mit ihrem Titel ("Der kleine Prinz Bettelknabe") einmal mehr den Vogel abschiessen. Die aktuellste kommerzielle Version kommt übrigens aus dem Hause Holysoft ("Der Prinz und der Bettelknabe") und ist seit 2017 als CD und Downloadversion im Handel.
      Wieder ein mal allen voraus war aber der Rundfunk. Bereits am 05.05.1968 sendete der NDR seine Hörspielversion, mit Hans Paetsch als Erzähler, unter dem Titel "Der Prinz und der Betteljunge". Diese Fassung wurde 2009 und 2013 von derHörverlag auf CD erneut aufgelegt. Der Rundfunk der DDR strahlte seine Fassung am 24.05.1980 aus. [Einschub: Hier spricht Gabriele Gysi mit, Gregor Gysis ältere Schwester. Interessanterweise war Gregor Gysi zeitweise auch als Synchronsprecher tätig.] Offensichtlich ist der Stoff beim NDR sehr beliebt, denn 2016 erschuf Henrik Albrecht für den Sender eine Orchesterversion, die am 04.12.2016 im Radio lief und von Headroom auf CD erhältlich ist. Die jüngste Hörspieladaption ist gerade mal 6 Monate alt und wurde von Blubb unter dem Titel "Der Prinz und der Bettler" als "Live-Hörspiel" produziert.

      Inhalt:
      Mark Twain, der weltberühmte nordamerikanische Schriftsteller schrieb das bekannte und beliebte Buch "Der Prinz und der Bettler", das Millionen von Kindern immer wieder mit großer Spannung gelesen haben. Die Geschichte des Prinzen und des Bettlers fand noch einmal große Begeisterung in der ganzen Welt, als der Spielfilm in die Kinos kam. Wieder sahen Millionen von Kindern die Verwechslungsgeschichte von Prinz Edward und dem Bettler Tom.
      Jetzt können alle Kinder die Abenteuer der beiden Jungen auch auf dieser Schallplatte miterleben. Toyo Tanaka, der schon bei über 20 Hörspielen Regie führte, hat mit bekannten und beliebten Sprechern die Schallplatte aufgenommen, auf der der Prinz und der Bettler zu neuem Leben kommen.(Inhaltsangabe der CRYSTAL LP)

      Produktion:
      In den 1970er Jahren war es üblich, in Film und Fernsehen erfolgreiche Stoffe, für das Medium Hörspiel aufzugreifen und zum Ende der 1970er Jahre ergoß sich eine wahre Flut davon auf den Markt. Zu den bekanntesten gehören zweifellos die Hörspieladaptionen von "Krieg der Sterne" und "Spider-Man - Der Spinnenmensch". Kurz nachdem am 30.06.1977 bei uns die Neuverfilmung von "Der Prinz und der Bettler" im Kino zu sehen war, erschien die gleichnamige Hörspieladaption, um die es hier geht, bei dem Label CRYSTAL. CRYSTAL wurde im August 1976 gegründet und war der Nachfolger der örtlichen Vertretung von "Music for Pleasure" in Deutschland. Das Label war eine vollkommen unabhängige Schwestergesellschaft von EMI Electrola GmbH, welche jedoch Schnitt und Pressung übernahm. Der Druck erfolgte durch die 4P NICOLAUS GmbH in Köln. 1979 veröffentlichte CRYSTAL dann unter der Bezeichnung "Crystal Jazz", eine Reihe von Jazzaufnahmen, die zuvor bei MPS Records und SABA erschienen waren. Bereits 1980 wurde die Firma aufgelöst und die Rechte gingen zurück an EMI Electrola GmbH. Anscheinend hat das Label CYSTAL aber nicht sehr viele Hörspiele heraus gebracht, ausser diesem hier sind mir nur noch "Rübezahl" in einer Version von Anke Stamm aus dem Jahr 1976 und "Sindbad - Abenteuer auf der Insel Saba" aus dem Jahr 1978 (ebenfalls von Toyo Tanka inszeniert) bekannt. Toyo Masanori Tanaka (19.01.1959 - XX.07.2015) war schon während seines Studiums als Schauspieler erfolgreich tätig und wirkte unter anderem in den Kinofilmen "Dorian Gray im Spiegel der Boulevardpresse"(1984), "Der Sommer des Samurai(1986) oder "Sterben ist gesünder"(1997) mit. Im TV hatte er außerdem noch Auftritte in den Serien "Büro, Büro", "Tatort" und "Großstadtrevier". Für das Medium Hörspiel war er ca. 300 mal als Regisseur und/oder Sprecher aktiv. Seit 2003 war Tanaka künstlerischer Direktor des Festival MúsicaMallorca und ab 2013 auch dessen Intendant. Unterstützt von seinem Partner Wolf Brümmel begann er zum Ende der 1970er Jahre mit der Produktion von Hörspielen. Brümmel kümmerte sich dabei um die Produktion, Tanaka um das Künstlerische: Er führte Regie, übernahm Sprechrollen, sang und komponierte sogar. Mir ist Toyo Tanaka vor allem von seiner Zeit beim Maritim Verlag ein Begriff. Da gab es kaum eine Kindergeschichte, die er nicht vertont hat: Von Bugs Bunny, Schweinchen Dick und Sindbad, bis hin zu den Büchern von Enid Blyton, Jules Verne, Alexandre Dumas und Johanna Spyri war einfach alles dabei, was Kindern Freude macht. Überraschenderweise ist das vorliegende Hörspiel nicht nur bei einem anderen Label erschienen, auch die Besetzung ist eher untypisch und würde mit Michael Harck, Heinz Trixner und Reinhilt Schneider viel besser zu "Europa" passen.
      Bedingt durch die kurze Laufzeit von knapp 40 Minuten, hat Skriptautor Joachim von Ulmann die Geschichte auf die wesentlichsten Handlungselemente zurechtgestutzt. Leider muss ich sagen, denn eine ausführlichere Variante in Form einer Doppel-LP wäre hier angebracht gewesen, um dem Stoff gerecht zu werden. So läuft das Geschehen etwas holprig ab. Von einer Szene zur anderen ist Tom urplötzlich bei Edward, ohne daß der Hörer dafür einen Grund genannt bekommt. Ebenso befremdlich wirkt die Szene, in der Edward später, zusammen mit Miles, bei Toms Eltern auftaucht. Auch hier gibt es keine Erläuterung des "Wie und Warum". Unterm Strich hat man den Eindruck, daß man eher eine Aneinanderreihung einzelner Ereignisse hört, als eine zusammenhängenden Geschichte. Daß die Zeit trotzdem wie im Flug vergeht, liegt vor allem an der für damals sehr sorgfältigen Produktion und den ausgezeichneten Sprechern. Musikalisch bleibt man ganz in der Zeit der Historie, und neben Flöten kommt hauptsächlich das Spinett zum Einsatz.
      Die Melodien werden überwiegend nur kurz angespielt und dienen, bis auf wenige Ausnahmen, ausschliesslich dazu, in die nächste Szene überzuleiten. Eine der Ausnahmen bildet die Krönungssequenz, welche stimmig mit einem Chor und Orchester unterlegt worden ist. Neben der passenden Musik, kann sich auch die Geräuschkulisse durchaus hören lassen. Natürlich ist diese nicht so üppig gestaltet, wie in heutigen Produktionen, aber sämtliche Töne klingen natürlich und passen zu den jeweiligen Begebenheiten. Unter anderem bekommt man einen bellenden Hund, zwitschernde Vögel, ein rufendes Käuzchen, pfeifenden Wind und plätschernden Regen sowie eine läutende Kirchenglocke und ein klimperndes Schlüsselbund zu hören. Großartige Effekte kann man hier selbstverständlich nicht erwarten, aber immerhin wurde in der Kerkerszene daran gedacht, die Stimmen der Sprecher mit Hall zu unterlegen.
      Wie schon erwähnt, sind es neben der Ausführung vor allem die hoch motivierten Sprecher, die das Hörspiel lohnenswert machen. Allen voran Michael Harck(Prinz Edward) als hochnäsiger und verwöhnter Adelssproß, der aus lauter Übermut und Langeweile auf die Idee kommt, mit Günther Flesch(Tom Canty) die Rollen zu tauschen. Flesch spielt den bettelarmen Jungen der plötzlich Prinz ist zwar wirklich gut, aber im Gegensatz zu Harck klingt seine Stimme ein wenig zu alt für diesen Part. Die leicht raue Stimme von Werner Schumacher(König Heinrich VIII) passt ausgezeichnet zu seiner Darstellung des von Krankheit und Sorgen gezeichneten Regenten. Gleiches gilt auch für die Darbietung von Edith Teichmann(Elisabeth I) als seine Tochter und Edwards ältere Schwester. Zu Beginn erscheint Teichmann wegen ihrer herablassenden Art gegenüber Edward als eher unsympathisch, aber dieser Eindruck wird revidiert, als sie dann am Krankenbett ihres Vaters sitzt. Zu gefallen weiß auch Antje Reinke(Mutter Canty) in der Rolle von Toms dem Schicksal ergebener und vom harten Leben in Armut gezeichneter Mutter. In weiteren Nebenrollen kommen noch Heinz Trixner(Miles Hendon) als sorgloser Abenteurer und Edwards Beschützer, Reinhilt Schneider(Edith Hendon) als seine liebe- und mehr als verständnisvolle Ehefrau sowie Heinz Ingo Hilgers(Herzog von Norfolk) in dem Part eines Edelmanns bei Hofe zu Wort. Hilgers Interpretation ist insofern ein wenig verwirrend, da er einen leicht scharfen Unterton in seinen Vortrag legt, der ihn gefährlich wirken lässt. Dazu kommt noch, daß man ihm anhört, wie sehr er sich beherrschen muss, als er mit Edward spricht. Zwei Faktoren, die seine Erscheinung recht unangenehm wirken lassen, was Toms Einsatz, ihn aus dem Kerker zu befreien, noch seltsamer erscheinen lässt. Wenn ich mich richtig erinnere, ist diese Figur eigentlich in der Originalgeschichte ein durchaus netter, zu Unrecht verurteilter Adliger. Bedauerlicherweise hat man vergessen, den Sprecher von Vater John Canty in der Besetzungsliste mit anzugeben, obwohl es sich bei diesem Part um eine große Rolle handelt, die von dem ungenannten Sprecher auch meisterlich interpretiert wird. Vater Canty ist der Inbegriff des brutalen, aufbrausenden und hartherzigen Diebes, der vor nichts zurückschreckt, um sein Ziel zu erreichen.
      Da ich online keine Abbildung dieser LP Hülle finden konnte und ich keinen DIN A3 Scanner besitze, blieb mir nichts anderes übrig, als selbige abzuphotographieren. Das Cover zählt wohl mit zu den langweiligsten bzw. unorginellsten aller Zeiten und ohne den Hinweis: "Die spannende Geschichte zum gleichnamigen Film", hätte wohl damals kaum jemand zugegriffen. Vielleicht ist das auch einer der Gründe, warum dieses Hörspiel inzwischen so selten geworden ist. Wenigstens ein bisschen wettgemacht wird der erste negative Eindruck von der etwas ansprechenderen Rückseite. Neben einem Bild von Mark Twain und den zu erwartenden Sprechernennungen bzw. deren Rollen, sind es vor allem die ausformulierten Stabangaben, welche hier ins Auge fallen und die ich innerhalb des "Daten" Blocks noch einmal vollständig wiedergegeben habe.

      Fazit:
      Ich vergebe, trotz der klaren Mängel, auf Grund der gewissenhaften Produktion und der wunderbar agierenden Schauspielerriege wohlwollende

      :st: :st: :st: :st: von :st: :st: :st: :st: :st:

      :thumbsup:


      Daten:


      Die Personen und ihre Sprecher:
      Prinz Edward - Michael Harck
      König Heinrich VIII - Werner Schumacher
      Elisabeth I - Edith Teichmann
      Tom Canty - Günther Flesch
      Mutter Canty - Antje Reinke
      Vater Canty - ?
      Miles Hendon - Heinz Trixner
      Edith Hendon - Reinhilt Schneider
      Herzog von Norfolk - Heinz Ingo Hilgers
      und
      viele reiche Leute bei Hofe
      und
      arme Leute in der Stadt

      Produktion:
      Die Hörspielbearbeitung schrieb Joachim von Ulmann.
      Die Zwischenmusik komponierte und am Cembalo spielte Edgar Schlepper.
      Außerdem musiziert und singt das Studio-Orchester und der Studio-Chor.
      Der Tonmeister ist Hartmut Kulka.
      Die Produktionsleitung hat Wolf Brümmel.
      Die Regie führt und die künstlerische Gesamtleitung hat Toyo Tanaka. Aufgenommen im Star-Studio in Hamburg.

      Laufzeit:
      Seite 1: 18 Minuten 33 Sekunden
      Seite 2: 20 Minuten 45 Sekunden

      Gesamtlaufzeit: 39 Minuten 18 Sekunden


      Coverdesign: Kochlowski

      LP: 028 CRY 32 510
      MC: 228 CRY 32 510

      Copyright 1977 CRYSTAL SCHALLPLATTEN GMBH

      CRYSTAL Schallpatten GmbH, Pressed by EMI Electrola GmbH
      Printed in Germany by 4P NICOLAUS GmbH, Köln


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