Heliosphere 2265 - 01 - Das dunkle Fragment

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    • Heliosphere 2265 - 01 - Das dunkle Fragment

      Heliosphere 2265 - 01 - Das dunkle Fragment


      (Quelle: amazon)

      Der junge Captain Jayden Cross übernimmt das Kommando auf einem neuartigen Raumkreuzer und sieht sich schon bald vielfältigen Bedrohungen und den Folgen politischer Ränkespiele ausgesetzt. Ein mysteriöses Artefakt und die Konfrontation mit dem rätselhaften Volk der Parliden stellen recht schnell tödliche Bedrohungen dar, hinter denen mehr zu stecken scheint, als am Anfang erkennbar ist.

      Mit Heliosphere 2265 ging im Jahr 2014 eine neue Science Fiction-Serie an den Start, die zwar vielen als Geheimtipp galt, der jedoch die Aufmerksamkeit der breiten Masse an Hörspielhörern offenbar versagt geblieben ist.

      Science Fiction in Hörspielform – da denken die meisten wohl an nerdiges SciFi-Techno-Gebabbel, betuliche 70’er Jahre-Referenzen wie Flash Gordon oder Perry Rhodan und vielleicht an das Weltraum-Märchen schlechthin für das Kind im Manne: Star Wars – und so winken wohl manche dankend ab und wenden sich anderen Produktionen zu, denen weit weniger das Label Special Interest anhaftet.

      So jedenfalls ging es auch mir.

      Science Fiction reizt mich gar nicht. Mit diesem Genre allein bin ich nicht einzufangen.
      Wenn man mir gute und originelle Geschichten erzählen möchte und dies in ein SciFi-Setting setzt, wie etwa bei Alien in der bekannten Filmreihe oder IRIS, der vielgerühmten Ohrenkneifer-Produktion, dann bin ich gern bereit, mich darauf einzulassen. Aber der Gedanke allein an klassische SciFi-Kost, in der mit futuristischen Waffen durch futuristische Welten gehetzt und unverständliches Techno-Kauderwelsch gemurmelt wird, während die Figuren sich irgendwelchen abgedrehten Missionen zu stellen haben, reizt mich gar nicht.

      Und darum habe ich auch lange gezögert, bei Heliosphere 2265 reinzuhören.
      Aber die durchgängig positiven Kritiken haben mich doch neugierig gemacht, und so kaufte ich mir die ersten drei der bislang neun erschienen Folgen.

      Um dies gleich vorweg klarzustellen:
      Heliosphere 2265 ist keine Serie, die es dem Hörer leicht macht. Das kann man ihr vorwerfen. Oder als besondere Qualität sehen. Beides ist denkbar.

      Wie der Hörer in diesen neuen Serienkosmos eingeführt wird, wie er mit den Protagonisten bekannt gemacht und in die Ausgangssituation zu Beginn des Hörspielgeschehens geradezu geworfen wird, ist nicht unbedingt der gefälligste und leichteste Weg, den ein Hörspielmacher nehmen kann, um Hörer an sich zu binden. Vieles wird zu Beginn nur angedeutet: die Vorgeschichte von Captain Cross auf der Defender, Commander Ishida und das sogenannte Calvin-Debakel, das Schicksal von Tess Kensingtons Familie auf der Tekara II, die Hintergründe um die verlorenen Kinder des Mars oder auch die überwundene Diktatur vergangener Jahre – vieles, von dem wir annehmen müssen, dass es bedeutsam ist, wird in kurzen Nebensätzen abgehandelt. Es ist davon auszugehen, dass zu einem späteren Zeitpunkt auf einiges davon näher eingegangen wird (mit dem Wissen der ersten neun Folgen weiß man dies sogar ganz genau), zu Beginn jedoch erfordert diese Serie eine ganze Menge Geduld von seinem Hörer, denn die einzelnen Bausteine setzen sich erst allmählich und eben nicht mit einem Schlag zusammen. Heliosphere 2265 ist wie ein Mosaik, wie ein Puzzle: Erst mit der Zeit fügen sich die Einzelteile, und das Gesamtbild wird in groben Umrissen erkennbar. Wer Heliosphere 2265 eine Chance geben möchte, muss diesen Willen bereit sein aufzubringen. Wer das nicht möchte, wird wohl nie den Reiz dieser Serie erfassen können. Aber wer dazu bereit ist, dem eröffnet sich ein faszinierendes Serien-Universum mit vielen interessanten Charakteren und aufregenden Wendungen.

      Heliosphere 2265 ist eben alles andere als altbacken.

      In der Erzählweise zeigt sich diese Serie als hochmodern und folgt den Prinzipien moderner Erzähltechniken, wie wir sie aus den guten, amerikanischen Fernsehserien jüngeren Datums kennen. Niemals kann man sicher sein, den Kern der Handlung korrekt erfasst zu haben. Stets kann es am Ende einer Folge einen überraschenden Twist geben, der alles, was wir bisher glaubten, wieder über den Haufen wirft. Wir können uns auch nicht der handelnden Personen sicher sein. So viele Menschen spielen ein doppeltes Spiel, gehen eigenen und nicht selten undurchschaubaren Plänen nach, so dass wir nie sicher sein können, ob die Menschen am Ende auch wirklich das sind, was sie scheinen – oder sich vielleicht doch als etwas ganz anderes entpuppen werden. Diese Unsicherheit sorgt für eine unglaubliche Dynamik, für einen großen Sog, denn jederzeit ist spürbar, dass unter der Oberfläche des offensichtlichen Geschehens weitere Handlungsstränge gnadenlos vorangetrieben werden – und letztlich jederzeit eine neue Bombe platzen könnte, die einen liebgewonnenen Charakter mit sich reißt.

      Die erwähnte Dynamik wird auch dadurch verstärkt, dass bei Heliosphere 2265 völlig auf einen Erzähler verzichtet wird. Dadurch schreitet die Handlung schnell voran, der Hörer ist sofort mitten im Plot, und es wird nicht allzu viel Zeit darauf verwandt, die Protagonisten und ihre Hintergründe erst einmal erschöpfend darzustellen, sondern die Geschichte präsentiert sich wie ein rasender Zug, auf den man mit Folge 1 aufspringt und der einen sofort mit sich fortreißt.
      Selbstverständlich geht diese Erzählweise auf Kosten des Verständnisses eines Ersthörers, und dies mag viele erst einmal abschrecken. Es sei aber versichert: dies bessert sich.

      Ich selbst habe Folge 1 mehrmals gehört, ehe ich mit Folge 2 begonnen habe, so hatte ich die wesentlichen Grundzüge des ersten Teils halbwegs erfasst, ehe ich diesen Trip fortsetzte, aber so oder so: Die ersten Folgen hinterlassen Leerstellen, die der Ersthörer erst einmal aushalten können und aushalten wollen muss. Das ist ganz offensichtlich gewollt. Später werden viele dieser Leerstellen wie selbstverständlich geschlossen, und das zunächst diffuse Bild der Welt von Heliosphere 2265 wird klarer. Die aktionsgeladene Handlung, die sympathischen Charaktere und die mysteriösen Ereignisse helfen dem Hörer jedoch gekonnt über die Verwirrung angesichts der erwähnten Leerstellen hinweg.

      Vielleicht sollte man Heliosphere 2265 also tatsächlich eher als eine Art Äquivalent zu modernen TV-Serien sehen, in denen nicht mehr eine Reihe von Einzelepisoden gezeigt werden, die mehr oder weniger lose aufeinander aufbauen, sondern ein komplexes Gesamtwerk kreiert wird, das aufgeteilt in mehrere Teile dem Zuschauer präsentiert wird. Die einzelne Folge ist nichts. Alles ist nur Teil des großen Ganzen. Und nur als solches macht es Sinn.
      Sollte ich etwas Vergleichbares auf dem Hörspielsektor suchen, fiele mir spontan bloß Gabriel Burns ein. Obwohl das Setting natürlich ein ganz anderes ist. Und ebenso das Genre. Aber vor allem: Man merkt, dass Heliosphere 2265 eine Romanreihe zugrunde liegt, bei der ein Autor den großen Bogen bereits über die bisher umgesetzten Folgen hinaus gespannt und offensichtlich ein abgerundetes Konzept über die Einzelfolgen hinaus im Kopf hat. Während man doch bei Gabriel Burns nie den Zweifel los wurde, dass sich hier die Kreativen im Hintergrund im Laufe der Zeit heillos verzettelt haben.
      Heliosphere 2265 häuft keine Rätsel an. Vieles mag im Dunkeln liegen. Doch vieles klärt sich auch. Den Frust, den Gabriel Burns bei vielen ausgelöst hat, hat man bei Heliosphere 2265 bislang nicht zu fürchten.

      Aber zurück in medias res:
      Schon mit dem Abschluss der rasanten ersten Folge wird erkennbar, dass wir bei Heliosphere 2265 viel für die Zukunft zu erwarten haben. Hat die Episode in den zurückliegenden knapp 60 Minuten versucht, uns mit dem Setting der Serie vertraut zu machen, wird all dies nach dem Abspann in zwei kurzen Szenen mal eben wieder über den Haufen geworfen, und wir erfahren, dass es zwei Personen gibt, die nicht das sind, was sie zu sein schienen. Mehr noch: Eine unbekannte Macht tritt offensichtlich auf den Plan, von der nicht klar wird, was sie im Schilde führt – und sie offenbart, dass das Geschehen, dessen Zeuge wir gerade werden durften, wohl doch noch weitere Hintergründe hatte als die, die wir erklärt bekamen. Das rätselhafte Volk der Parliden wird als die Abtrünnigen bezeichnet, die dem großen Plan im Wege stünden, und es wird die Notwendigkeit gesehen, die Menschen in einen Krieg mit ihnen zu treiben, um sie unschädlich zu machen.
      Nachdem wir also gerade dachten, die Haupthandlung dieser ersten Folgen in gröbsten Zügen nachvollzogen zu haben, wird uns, quasi zum Dessert, eine lange Nase gemacht – und uns aufgezeigt, dass wir nach wie vor im Dunkeln tappen.
      Doch keine Sorge: in den nächsten zwei, drei Folgen wird sich vieles klären! Es lohnt sich also, dranzubleiben!

      Was die Produktionsseite angeht, so ist hier wirklich so gut wie alles richtig gemacht worden. Die Sprecher der Protagonisten sind außergewöhnlich gut, auch wenn gerade die Sprecherinnen der weiblichen Figuren für den Ersthörer nicht immer ganz leicht zu unterscheiden sind. Aber auch hier kann ich beruhigen: Dies legt sich recht bald. Mit dem Sprecher von Captain Cross, Wanja Gerick, habe ich mich am Anfang ein wenig schwer getan. Nicht weil er schlecht wäre (denn das ist er keineswegs!), sondern weil seine Stimme im Vergleich zu denen der anderen Sprecher und Sprecherinnen verhältnismäßig wenig markant ist. Vielleicht ist aber auch das gerade der richtige Kniff gewesen, seine Situation als relativ junger Captain auf einem Sternenkreuzer wie der Hyperion mit einer kenntnisreichen, aber auch eigentümlichen Crew darzustellen. Im Laufe der Serie verblasste jedenfalls mein Ersteindruck, und heute bin ich sehr zufrieden mit seiner Darstellung der Hauptfigur. Er füllt sie sehr gut aus.

      Einzig Sebastian Fitzner als verzweifelter Lt. Larik konnte mich nicht hundertprozentig überzeugen. Seine Performance, wenn er panisch von den Begebenheiten auf der Protector berichtet, wirkt auf mich ein wenig bemüht. Sie bleibt allerdings qualitativ im Rahmen und trübt keineswegs den Gesamteindruck. Vielleicht ist es auch die Klasse des restlichen Casts, die seine Leistung im Vergleich ein wenig abfallen lässt.

      Die Musik ist sehr eingängig und prägt recht schnell das akustische Bild der Welt, durch die die Hyperion reist. Sie wird aber, wie mir scheint, teilweise recht sparsam eingesetzt, und so manche Konfrontation hätte vielleicht noch ein wenig intensiver ausfallen können, wenn hier noch auf diese Weise die Dramatik der Ereignisse unterstützt worden wäre.

      Überhaupt erscheint mir die Soundkulisse in Teilen recht nüchtern. Nicht sparsam, nicht spärlich. Sondern nüchtern. Weniger reduziert – als vielmehr fokussiert.
      Das möchte ich gar nicht bewerten. Ich sehe es nicht als Mangel an. Und nicht als Vorzug. Sondern lediglich als akustischen Fingerabdruck dieser Produktion.

      Womit wir bei dem Alleinstellungsmerkmal dieser Serie wären, das ich einfach an dieser Stelle noch einmal gesondert betonen muss.
      Heliosphere 2265 bietet eine nicht nur für Hörspielserienverhältnisse außergewöhnlich hohe Zahl an wichtigen, starken und facettenreichen Frauenfiguren auf. In dieser Fülle und Originalität habe ich das bisher noch nicht erlebt – weder in Hörspielen noch in TV-Serien, und wie dies im Falle von Heliosphere 2265 umgesetzt wurde, ist einfach nichts weniger als großartig.
      Und es beweist mir, dass es nichts als altbackene Gewohnheit ist, wenn Serienschöpfer glauben, die wesentlichen Charaktere mit Männern besetzen zu müssen und sich dabei seit Jahrzehnten ständig wiederholen. Greenlight Press und Interplanar zeigen, dass es auch anders geht, mehr noch: dass es einen ganz besonderen Reiz haben kann, einen großen Teil des Figurentableaus weiblich sein zu lassen – und dass die Handlung darum nicht weniger hart sein muss und ebenso zur Sache gehen kann. In dieser Serie stehen die Frauen den Männern in nichts, aber auch wirklich gar nichts nach – weder im Guten noch im Schlechten. Frauenfiguren jenseits der gängigen Klischees, ohne dabei die männlichen Charaktere impotent erscheinen zu lassen: In der Welt von Heliosphere 2265 macht es wirklich keinen Unterschied mehr, ob man ein Mann ist oder eine Frau – ohne dass die einzelne Figur dabei beliebig wäre. Ganz großes Kompliment für diese Leistung und ausdrücklich: Chapeau!

      Schon allein deswegen würde ich jeder hörspielinteressierten Frau empfehlen, in die ersten drei, vier Heliosphere-Folgen reinzuhören.

      Frauen blieben in Hörspielen für meinen Geschmack viel zu lange eine Randnotiz. Bei Heliosphere trifft dies ganz sicher nicht zu. Hier sind die Frauen quantitativ und qualitativ mindestens ebenbürtig – und zwar auf die beste nur denkbare Weise!

      Sicherlich bietet die Serie auch genügend Reiz für eingefleischte SciFi-Fans, die nötige Fachterminologie, die unvermeidlichen technischen Raffinessen, aber diese Serie funktioniert eben auch, insbesondere in dieser ersten Episode, für Menschen, die mit diesem Genre grundsätzlich eher weniger am Hut haben (wie ich!). Allerdings muss man sich auf eine derart komplexe Serie auch einlassen wollen. Heliosphere 2265 in ihren wesentlichen Grundzügen erschließt sich dem Hörer nicht mit dieser einen ersten Folge. Und sie fixt auch nicht an über eine so kurze Distanz. Es braucht schon ein bisschen mehr, sich von dieser Welt einfangen zu lassen. Bei mir waren es die ersten drei, vier Folgen. Und dann wollte ich immer weiter hören!

      Es braucht einfach ein wenig Zeit, Heliosphere 2265 ihre großen Stärken, die Komplexität der erzählten Ereignisse sowie die inhaltliche Tiefe, entfalten zu lassen.
      Die Hörspiele, vor allem auch diese erste Folge, eignen sich nicht zum Nebenher-Hören. Wer also Zeit und gebannte Aufmerksamkeit nicht aufzubringen bereit ist, der sollte wohl um Heliosphere 2265 besser einen Bogen machen, denn er würde wohl enttäuscht werden. Alle anderen jedoch erwartet der Auftakt zu einem beeindruckenden Epos, in dem Autor Andreas Suchanek zusammen mit den Hörspielmachern Balthasar von Weymarn und Jochim-C. Redeker eine ganz eigene, düstere Variante der Zukunft kreiert, mit der sie uns eine Welt präsentieren, die gleichzeitig die eine oder andere ehrende Reverenz erkennen lässt und dabei doch gleichzeitig originell und erfrischend neu daherkommt.

      Und das Beste: Da die Handlung aufgebaut ist wie ein Mosaik, ist ein Wiederhören auch der älteren Folgen von besonders großem Reiz.

      Heliosphere 2265 bietet also intelligente und mitreißende Hörspielkost, die sich eines SciFi-Settings bedient, ohne sich dabei ausschließlich an SciFi-Freaks zu wenden. Prägnante Charaktere, eine Fülle starker, weiblicher Figuren und eine komplexe Handlung voller origineller Details.

      Heliosphere 2265 ist ganz klar ein Must-have für jeden Hörspiel-Freund!



      :st: :st: :st: :st: :st:



      Hardenbergs Hörspiel-Tipp:

    • @Hardenberg

      So, ich habe mir am Wochenende die erste Folge angehört und sie hat meine (hohen) Erwartungen erfüllt!

      Man wird sehr schnell in die Welt und Geschichte reingezogen & die Handlung nimmt sofort Tempo auf.
      Mittendrin habe mich selbst gefragt, ob überhaupt ein Erzähler vorgekommen ist bisher.
      Nein, ist es nicht und fehlt auch überhaupt nicht. Im Gegenteil, die Story geht flott voran dadurch.

      Die starken Frauenrollen sind mir auch aufgefallen und gefällt mir gut.
      Du hast es gut beschrieben oben und dem schließe ich mich gerne an.
      Bei einzelnen Figuren muss ich noch überlegen wer denn wer ist, aber das ist bei jeder Serie so und bestimmt kein Minuspunkt.

      Mich als Sci-Fi Freund hat die Serie eingefangen und ich freue mich auf die weiteren Teile die noch vor mir liegen!
      Besser Illusionen die uns entzuecken als zehntausend Wahrheiten