ROALD DAHL und seine Geschichten

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    • Danke für den Tipp, @Milo. :hutheb:

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      Ich habe gestern Gelée Royale gelesen. Ich weiß, diese Geschichte ist sehr beliebt, aber mir fiel ein, dass ich sie schon als Teen nicht so doll fand. Was daran liegt, dass ich zwar die Grundidee mochte, Gelée Royale als Wachstumsbeschleuniger, aber die Idee der auch optischen Annäherung an eine Biene doch zu abstrus, um nicht zu sagen: albern, fand.
      Aber immerhin mochte ich die Dialoge. Sehr erheiternd.
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      Ich habe noch ein bisschen weitergelesen und hatte durchaus meine Freude, auch wenn ich bei Schwein doch im Lichte des Antisemitismus-Themas an einer Stelle sehr schlucken musste, denn der Anwalt, der den Jungen so dreist um den größten Teil seines Erbes bringt, ist schon ziemlich deutlich ein antisemitisches Klischee. Dafür war ich als Teenager nicht ausreichend sensibilisiert, aber heute fällt es natürlich auf.

      Das ist schade, denn eigentlich ist die Geschichte sehr flott und herrlich schräg erzählt. Ich mag die Stelle, in der der Junge nach dem Tod der Tante zum Arzt geht, um einen Totenschein zu bekommen, damit er das Erbe antreten kann. Er bietet dem Doktor an, die Tante, die er bereits auf dem Hof verscharrt hat, zwecks Leichenschau gern wieder ausgraben zu können. "Wie tief haben sie sie denn eingegraben?", fragt da der Arzt. "Na, so drei, vier Fuß, denke ich." - "Und wann war das?" - "Vor acht Stunden." - "Dann ist sie tot. Hier ist der Totenschein." =)

      Mir kommt die Geschichte irgendwie vor, als wäre sie ursprünglich als Novelle gedacht gewesen, dann aber an einem gewissen Punkt, vielleicht nach einer Schreibpause schnell beendet worden. Irgendwie wirkt sie auf mich am Ende seltsam abgehackt... beinahe im Wortsinne. :green:

      Als nächstes widme ich mich dem Weltmeister. An die Geschichte habe ich überhaupt keine Erinnerung mehr.
    • Neu

      So, nachdem ich nun mit Küsschen, Küsschen durch bin, hier ein kurzes Fazit meinerseits zu den einzelnen Geschichten. Im Ganzen muss ich sagen, dass die Geschichten von Roald Dahl, ausgesprochen gut gealtert sind: Sie muten auch heute noch in der Erzählweise vergleichsweise modern an, sind leicht und flüssig zu lesen und weisen kaum unnötige Längen auf. Ein guter Schmöker für zwischendurch.

      Die Wirtin
      Der Band beginnt gleich mit einer Highlight-Folge. Ein junger Mann auf Geschäftsreise sucht nach einer Übernachtungsmöglichkeit. Dahl ist ein Meister darin, eine völlig normale Grundsituation zu schaffen und dann das Skurrile, Abseitige ganz behutsam in diese Welt hineintröpfeln zu lassen, bis am Ende dann der Wahnsinn offen zutagetritt. Das ist auch hier sehr gut gelungen. Sicherlich eines der exemplarischen Werke Dahls. Wer wissen will, was diesen Autoren (zumindest auch) auszeichnet, erhält hier einen guten Eindruck.

      William und Mary
      Ebenfalls ein typischer Vertreter des Dahl'schen Kosmos, wenn der Autor sich hier auch über philosophischem Wege seinem Spaß am makabren Clou annähert. Ein sterbenskranker Mann erhält durch einen befreundeten Mediziner und Wissenschaftler die Möglichkeit, dem Totengräber von der Schippe zu springen - auf äußerst eigentümlichem Wege. Die Grundidee ist natürlich absurd, aber der Kern der Erzählung, so zeigt sich recht schnell, ist die Beziehung zwischen ihm und seiner Frau. Und wie schon in der ersten Geschichte dieses Bandes sickert auch hier das Maliziöse ganz langsam in die Handlung, um dann am Ende wieder einmal das volle Ausmaß des Wahnsinns deutlich hervortreten zu lassen. Eine böse Geschichte.

      Der Weg zum Himmel
      Ein weiteres Highlight in einer langen Reihe der makabren Ehe-Dramen aus der Feder Roald Dahls. Eine Frau will nach Frankreich, um endlich ihre Tochter und ihre Enkelkinder zu besuchen, ihr Mann versucht mit maliziöser Freude, ihr einen Strich durch die Rechnung zu machen. Immer wieder sind es die vermeintlich harmlosen Charaktere, die im Verlauf der Handlung Härte und Mitleidlosigkeit offenbaren. So auch hier. Und wie so oft bei Dahl, ist es ergiebig, sich die Geschichte hinter der Geschichte vorzustellen, wenn man mit dem Wissen um das Ende den ganzen Plot noch einmal überdenkt. Erst dann wird das volle Ausmaß der Grausamkeit erst wirklich bewusst - und auch die volle Tragweite der Verrücktheit.

      Des Pfarrers Freude

      Eine Geschichte, die ich als Teenager nicht so gern mochte, fehlt ihr doch völlig das Makabre, das so viele von Dahls Geschichten auszeichnet. Heute, mit dem Abstand der Jahre, erkenne ich die Qualität dieser zwar deutlich harmloseren, aber deswegen nicht weniger biterbösen Geschichte um einen Betrüger, der letztlich seinen gerechten Lohn erhält - in Form aufrichtig gutherzigen Verhaltens. Sehr schön konstruiert.

      Mrs. Bixby und der Mantel des Obersts
      Ebenso wie die letzte Geschichte mangelt es auch dieser hier am Makabren. Der Plot ist originell, der Abschlusstwist überraschend, die Pointe wieder mal bitterböse. Sehr schön ist die aufgeworfene Hilflosigkeit, die aus dem überraschenden Ende folgt, denn nicht nur kann die Protagonistin an ihrem Schicksal nichts ändern - sie sieht sich noch dazu vor den Trümmern ihrer Illusion über das eigene Leben. Die Grenzen zwischen Täter und Opfer verschwimmen. Sehr schön.

      Gelée Royale
      Für mich eine Geschichte, die eher enttäuschend ist, weil sie nicht, wie die anderen Geschichten, um Plausibilität und halbwegs stringente Logik bemüht ist, sondern sich zu sehr verliert in der Skurrilität der Grundidee (ein Baby, das die Nahrung verweigert, mithilfe der speziellen Nährlösung, die in Bienenstöcken für die angehenden Königinnen vorgesehen ist, aufzupäppeln - und die Folgen dessen), vor allem in der zweiten Hälfte. Dabei ist die Grundidee gar nicht schlecht. Nur wird sie im Verlauf der Handlung zusehends spinnert. Für mich eher zu vernachlässigen.

      Georgy Porgy
      Was für Gelée Royale zutrifft, trifft auch für diese Geschichte zu. Dabei ist die Atmosphäre zunächst gut dargestellt, die Figur des verstockten, distanzierten Vikars keine schlechte Grundlage für eine Handlung, innerhalb derer eine ganze Schar mannstoller Frauen über ihn herfällt, aber mir scheint, Dahl hatte nicht viel mehr als eine solide Prämisse für diesen Plot und wusste nicht so recht, was er daraus machen sollte - und so verpufft das Potential etwas und ist am Ende dann einfach zu sher "drüber".

      Genesis und Katastrophe
      Eine kleine, fiese und offensichtlich gar nicht mal so weit von den realen Verhältnissen entfernte Geschichte um eine Geburt, bei der die Mutter Ängste aussteht, ihr Kind könne, wie zuvor schon so viele andere, die ersten Tage nicht überleben. Auf wenigen Seiten entfaltet Dahl ein eindringliches Familienporträt, das berührt und schließlich entsetzt, wenn wir erfahren, was es mit dem Kind, von dem die Rede ist, tatsächlich auf sich hat. Ich hätte es geschickter gefunden, die Auflösung erst ganz zum Schluss zu platzieren und nicht in der Mitte der Handlung, aber man wollte wohl die Identifikation nicht zu sehr auf die Spitze treiben, aber es bleibt auch so, wie es nun ist, eine sehr eindringliche und bitterböse Geschichte.

      Edward der Eroberer
      Eine der spinnertsten Geschichten von Roald Dahl, aber im besten Sinne. Die Handlung ist völlig abwegig und schräg, da der neutrale Autor aber keine Stellung bezieht, ist die Skurrilität gut erträglich. Eine Frau glaubt, in einer Katze den wiedergeborenen Geist Franz Liszts entdeckt zu haben und will dies nun ihrem chronisch genervten Ehemann vermitteln. Die Dialoge der beiden machen einfach nur Spaß. Mein Highlight, als sich die Gattin eingehender mit dem Thema Wiedergeburt befasst: "Hör mal, Lieber, hast du gewusst, dass Theordore Roosevelt einmal Cäsars Frau war?" =)

      Schwein
      Eine Geschichte, die für Dahls Verhältnisse einen recht weiten Bogen spannt und in ihrem Grundton beinahe satirisch anmutet. Ein einsames Findelkind, das fernab der menschlichen Gesellschaft bei einer sehr eigenwilligen Tante aufwächst und nach ihrem Tod versucht, die Welt zu entdecken, weckt fast schon Assoziationen zu dem viel später erst geborenen Forrest Gump. Natürlich ist er dieser Welt überhaupt nicht gewachsen, wird allenthalben belogen und betrogen und findet dann schließlich ein tragisches Ende, das in seiner Schilderung beinahe anmutet, als hätte dem guten Dahl kein geringerer als Franz Kafka über die Schulter geschaut.
      Es ist eine Geschichte, bei der ich die Einzelteile mag, aber das Gesamte als nicht recht gelungen empfinde. Es wirkt fast so, als wäre das Ende nachträglich einer Geschichte angefügt worden, die ursprünglich einen weiteren Bogen schlagen und einen anderen Abschluss finden sollte. Die Darstellung des Anwalts mutet zudem an wie gespickt von antisemitischen Klischees, dennoch hat diese Geschichte ein paar sehr schöne Momente, trotz allem, auch wenn es nicht gelingen mag, die Kritikpunkte zugunsten eines wohlwollenderen Fazits zu verleugnen.

      Der Weltmeister
      Die Geschichte um eine makabre Fasanenjagd ist sicherlich originell und aufgrund der gelungenen Dialoge auch unterhaltsam zu lesen, aber aufgrund des Fehlens des typisch Dahl'schen makabren Tonfalls und dem doch sehr handzahmen Ende für mich eher eine mittelmäßige Geschichte, bei der einem nicht viel fehlt, wenn man sie auslässt.


      Als nächstes nehme ich mir Und noch ein Küsschen vor. :)