Gabriel Burns - Die Serien-Besprechung

    • Gabriel Burns - Die Serien-Besprechung

      Und Burns, zum Dritten! :zwinker:

      Dieses ganze Spekulieren hat mir Appetit gemacht, doch einfach nochmal in die Serie reinzuhören, angefangen natürlich mit Folge 1, dem Flüsterer. Und ich habe beschlossen, dies zum Anlass zu nehmen, noch einmal die einzelnen Folgen zu erörtern, nicht zu ausufernd, aber doch in groben Zügen, wenn es mir meine Zeit erlaubt.

      Vielleicht mag ja der eine oder andere meinem Beispiel folgen und zeitgleich ebenfalls einen neuen Durchlauf starten. Wir könnten dann ausgiebig die einzelnen Serienstationen und das Gesamtgeschehen mit allen Mysterien diskutieren. Es würde mich freuen...

      Also, auf geht's:

      Gabriel Burns - 01 - Der Flüsterer



      Quelle: amazon

      Aufbruch in die Stadt der lebenden Toten

      SPOILER-Warnung!

      Mit dem Abstand der Jahre merkt man dieser ersten Folge der Reihe durchaus ihr Alter an: Vieles, was später völlig ausgereift und bis ins kleinste Detail perfekt rüberkommt, klingt zu Beginn noch etwas holpriger und unbeholfener. So gibt es hin und wieder kleine Pausen zwischen dem Szenenabschluss und Einsetzen der Musik, und auch nicht jeder der Gastsprecher kann auf ganzer Linie überzeugen - doch bleiben diese winzigen Unzulänglichkeiten marginal, fallen kaum ins Gewicht und nehmen der Folge insgesamt nichts von seiner Kraft und Intensität.

      Im Gegenteil, wie die kreativen Köpfe hinter dem Seriengeschehen, Raimon Weber und Volker Sassenberg, mit wenigen Strichen die Exposition zeichnen und danach direkt in die Folge einsteigen - und dies alles in einem kraftvollen Parforce-Ritt -, das ist wirklich beeindruckend, vor allem wenn man auch bedenkt, dass hinter dieser Produktion seinerzeit keine alten Hasen standen, sondern letztlich, was das Thema Hörspiel angeht, nahezu Debütanten.

      Wir lernen den Protagonisten Steven Burns als missmutigen Taxifahrer und erfolglosen Schriftsteller mit Kindheitstrauma kennen, der von einer jungen Dame, Joyce Kramer, erst in ein blutiges Verbrechen geführt und dann, unter Hinweis auf diese Untat, bei der Burns vermeintlich unter Verdacht gerät, von einem undurchsichtigen Mann namens Bakerman mit einem Suchauftrag in eine Gemeidne namens Eden Creek geschickt wird, um dort nach einem verschwundenen Mitarbeiter zu suchen. Gleichzeitig ermuntert ihn auch eine anonyme Flüsterstimme am Telefon zu diesem Trip. Dort angekommen, wird Burns an der Seite des Forstmitarbeiters Larry Newman mit einer von Sinnen geratenen Gemeinde und düsteren Fluggestalten, die von einer Bewohnerin Eden Creeks als Graue Engel bezeichnet werden, konfrontiert. Es kommt zu düsteren Unternehmungen, blutigen Auseinandersetzungen - und am Ende zu einem kleinen Wunder: Burns lässt aus unerfindlichem Grund einen Grauen Engel, der ihn zuvor angegriffen hat, einfach verschwinden. Eine besondere Gabe? Psychokinese?
      Nichts Genaues weiß man nicht.

      Wow!
      An dieser Auftaktfolge stimmt einfach alles.
      Auch wenn man als Neueinsteiger vermutlich erst mal gehörig im Dunkeln tappt. Wer ist Bakerman? Wofür steht er? Wer ist der Flüsterer? Was geschieht mit Steven Burns? Was trägt sich in Eden Creek zu? Wer ist für die Ereignisse, die Kontamination und die Injektionen im Nacken der Bewohner verantwortlich? Und was genau sind die Grauen Engel?
      Im Grunde wird hier bereits der Fächer an Themen und Fragen eröffnet, der uns über all die weiteren Folgen beschäftigen wird.
      Jedem Neueinsteiger sei jedoch gesagt: Es braucht ganz unbedingt Geduld. Vieles wird sich erst viel später klären; einiges ist bis heute noch im Unklaren.

      Aber für eine erste Folge macht Der Flüsterer schlicht und ergreifend, was das Skript angeht, alles richtig.

      Die Sprecher beeindrucken, vor allem natürlich der Erzähler Jürgen Kluckert, der in dieser ersten Folge noch ein wenig kraftvoller und agiler den Erzähler spricht, während er später düsterer und bedächtiger klingt. Es ist eine Wonne, zu erleben, wie Weber und Sassenberg den Erzähler bei Gabriel Burns anlegen. Er spricht zu Beginn in der Ich-Form; dies legt nahe, dass er nicht nur allwissender Erzähler außerhalb des Geschehens ist. Andererseits tritt er als Person nie in Erscheinung. Er agiert wie ein klassischer Erzähler, nur dass seine Parts nicht selten in die Haupthandlung eingewoben sind: im Vordergrund schildert Kluckert, was geschieht, im Hintergrund läuft die Aktion ab. Wir hören also gleichzeitig der Erzählerpart und die szenische Umsetzung, was dem Ganzen eine ungeheuerliche Dynamik und Intensität gibt. Das ist auch nach all den Jahren wirklich beeindruckend und herausragend.

      Durch diesen Kniff und die kongeniale Umsetzung durch den grandiosen Jürgen Kluckert gewinnt diese Serie von Anfang an so viel Düsternis und Atmosphäre, dass es ein Genuss ist, den rasanten Wendungen der Geschichte zu folgen.

      Nicht minder grandios agiert Ernst Meincke als Bakerman, der den machtvollen, aber zu jeder Zeit undurchsichtigen Strippenzieher mit einer atemberaubenden Kälte gibt. Im Gespann mit der abgeklärten und mit allen Wassern gewaschenen Joyce Kramer, herrlich scharfzüngig interpretiert durch Bianca Krahl, eröffnet diese Figur den Rahmen des gesamten Serienkosmos mit einer solchen Sogwirkung, dass es schwer ist, sich dem zu entziehen.
      Komplettiert wird das feste Ensemble durch Bernd Vollbrecht, der seinen Steven Burns auf sehr überzeugende Weise überrumpelt von den Ereignissen und gleichzeitig tatkräftig spielt, und Björn Schalla als liebenswerter Forstbeamter Larry Newman, der im weiteren Fortlauf der Handlung über seine Rolle als Sidekick weit hinauswachsen darf.

      Die Hauptsprecher erweisen sich wirklich als Glückstreffer. Eine bessere Truppe hätte man wohl kaum zusammenstellen können.

      Ganz wesentlich zum Erfolg dieser Serie trägt von Anfang an auch die Musik bei. In Folge 1 gibt es noch das ein oder andere eher belanglose Musikstück, später wird so etwas ganz verschwinden, doch auch hier bekommen wir schon diese grandiosen, schweren, düsteren Klänge zu hören, die ganz entscheidend das Gesicht dieser Serie prägt. Das beginnt schon allein mit der Eröffnung, der märchenhaften Musik, die den einführenden Worten Hans Paetschs unterlegt sind, danach das Anschwellen der Synthesizer-Klänge, das legendäre Stampfen, um danach mit der bekannten Gabriel Burns-Melodie auf dem Klavier in die Handlung zu starten, über die Jürgen Kluckert seine einführenden Worte legt, die immer mit den Worten enden: Willkommen [in Vancouver] ...

      Das klingt so ausgefeilt, so genial, das ist ein so beeindruckendes Opening, wie ich es bislang kein zweites Mal gehört habe. Auch hier: Besser geht es nicht! Und besser hat es auch in all den Jahren seit dem Erscheinen der ersten Folge von Gabriel Burns niemand gemacht.

      Auch das Sounddesign ist wirklich großartig. Obwohl dies erst die erste Folge dieser Serie ist, obwohl sein Macher damals noch kein alter Hase auf dem Gebiet der Hörspielproduktion war, wird die Handlung hier auf eine so intensive und atmosphärische Weise in einen zu jederzeit vollauf überzeugenden Klangteppich gewoben, dass man die ganze Zeit über das Gefühl hat, mitten im Seriengeschehen zu sein. Dabei verzichtet Sassenberg völlig auf den Bombast und das Krachbumm-Spektakel, dass seinerzeit parallel zu GB ein Oliver Döring bei Sinclair in jeder Folge abbrannte, sondern weiß durchaus auch die leisen Klänge und die Stille zur Schaffung seiner fesselnden Atmosphäre zu nutzen.

      Einziger Wermutstropfen sind einige nicht zur Gänze überzeugende Sprecherleistungen bei Nebenfiguren: So klingt die Mitarbeiterin der Polizisten in Dawson wie eine Figur aus einer Slapstick-Komödie mit ihrem schrillen Gelispel und Jasmin Wagner als Linda Aspin dokumentiert beeindruckend, warum man auf solche Einsätze von Gast-Sternchen doch besser verzichten sollte (sofern man sich vorher nicht des entsprechenden Talents versichert hat).
      Zwar beeinflussen diese beiden Sprecherinnen den Gesamteindruck nicht maßgeblich, aber die Vollständigkeit verlangt zumindest eine Erwähnung.

      Was die Handlung angeht, so lässt sie sich zu diesem Zeitpunkt natürlich noch nicht überblicken. Das kann man der Serie allerdings nicht zum Vorwurf machen. Gabriel Burns will eine episch angelegte Mystery-Serie sein - da müssen die ersten Folgen so etwas wie eine Exposition sein. Es wird noch eine ganze Weile dauern, bis sich der erste Nebel lichtet. Aber mit der Kenntnis von heute lässt sich sagen: Es lohnt sich - bei aller Kritik, die von mir noch kommen wird im Fortlauf der Serie, die sogar kommen muss!

      Diese erste Folge von Gabriel Burns ist dagegen wegweisend und kann als Anschauungsmaterial unter Hörspielmachern verteilt werden, um diesen aufzuzeigen, wie man mit Rasanz und ohne überflüssige Umwege und endlos lange Dialoge in ein Episoden- und Seriengeschehen einsteigen kann. Vorbildlich!
      Mit Der Flüsterer beweisen zwei Kreative, dass sie zu den ganz Großen der deutschen Hörspielkunst gehören. Und lassen Wehmut aufkommen, wenn man bedenkt, wie diese Serie nach dem vielversprechenden Anfang über die Jahre geführt wurde.

      Im Fazit also ist Der Flüsterer ein grandioser Einstieg in die hochkomplexe und düstere Mystery-Geschichte Gabriel Burns. Eine hervorragende Regie, großartige Sprecher und eine Atmosphäre, die einen geradezu gefangen nimmt, machen diesen Serienauftakt zu einem kleinen Meisterwerk.

      Ein Meisterwerk - unbedingte Hör- und Kaufempfehlung, auch nach all den Jahren noch!

      :st: :st: :st: :st: :st:



      .
      >> Kritik ist Liebe. <<
    • Juhuuuu, die neue Folge von Burns ist endlich da! Juhuuuuuu, nach fast vier Jahren Wartezeit!!! Endlich!
      Sie heißt.... Moment....
      Der Flüsterer.
      Komisch, hab ich schon mal gehört. Aber egal, es geht endlich weiter. Boooooaaaarrr! =) :dumm: :thumbsup: 8)
      Menschlichkeit ist nur noch eine dunkle Erinnerung...
    • Schoen @Hardenberg. Sehr gute Idee die Serie nochmal zu hoeren. Viel Spass dabei. Ich werde das auch demnaechst mal wieder machen. Aber das wird wahrscheinlich bis 2019 warten muessen, da ich no so viele andere Sachen zu hoeren habe. Ich bin schon sehr gespannt wie du die Serie im weiteren Verlauf bewertest.

      Fuer mich war die Szene mit dem Feuer und der Tuer in Folge 1 schon ein absoluter Schocker. Folge 1 ist auch meiner Meinung nach ein Hoerspielmeisterwerk.

    • Gabriel Burns - 02 - Die Brut



      (Quelle: amazon )

      Die Rattenmöpse geben sich die Ehre...

      SPOILER-Warnung!

      Nach dem klassischen Mystery-Setting, das uns in der ersten Folge beglückt hat, bekommen wir nun mit Folge 2, Die Brut, eher einen bunten Strauß von Horrorthemen geboten, der ebenso eindringlich wie blutig in Szene gesetzt worden ist.

      Steven Burns erhält einige Zeit nach den Ereignissen in Eden Creek von dem nach wie vor undurchsichtigen Mister Bakerman den Auftrag, Geistererscheinung in Port McNeill auf den Grund zu gehen.
      Recht schnell gerät er in ein nervenaufreibendes Abenteuer, in dem es um einen mordenden Unbekannten, zähnefletschende Rattenmöpse und am Ende um nichts weniger als das Schicksal aller Kinder in Port McNeill geht, denn die Grauen Engel schicken sich an, den Menschen ihre Nachkommenschaft zu nehmen.

      Zugegeben, die Handlung ist wieder sehr pointiert und rasant in Szene gesetzt. Langeweile kommt nicht auf.
      Ich war dennoch nie ein Freund dieser Folge. Und bin es nach nochmaligem Hören auch heute noch nicht.
      Der Plot ist im Grunde sehr konventionell, und wenn man die schrillen und blutigen Beimengungen mal wegdenkt, bleibt von den Hintergründen desselben nicht viel übrig. Im Gegenteil, je länger man das Geschehen erwägt, desto abstruser kommt es einem vor. Vor Jahren, bei Erscheinen der Folge, war dieses Gefühl nur intuitiv - immerhin war dies erst die zweite Folge, und es konnte ja gut möglich sein, dass alles sich später vernünftig auflösen würde. Nun sind aber bereits weit über vierzig Folgen erschienen, und diese Folge ist dadurch um keinen Deut überzeugender geworden.

      Das fängt schon allein beim Kern des Plots an: Die Grauen Engel wollen die Kinder von Port McNeill entführen. Nun wissen wir ja als Eingeweihte der gesamten bisher erschienen Folgen, was es mit diesem Verlangen nach der jungen, menschlichen Brut auf sich hat. In Folge 2 wird das Motiv allerdings von der besessenen Dr. Philipps ganz anders dargestellt: Man kann den Menschen nichts Wertvolleres nehmen als ihre Brut. Als wenn es den Grauen Engeln und den mit ihnen im Bunde stehenden einfach nur darum ginge, den Menschen Leid zuzufügen. Ich weiß nicht, wie sich Raimon Weber und Volker Sassenberg zu Beginn der Reihe die Geschehnisse vorgestellt hatten und wie konkret ihre Vorstellungen zur Handlung der Folgen jenseits der ersten fünf, sechs, sieben Episoden waren. Aber diese seltsame Schwarzweiß-Zeichnung wirkt im Gesamten heute doch völlig deplatziert bei dieser Serie. Und irgendwie war sie das schon bei Erscheinen.

      Aber selbst wenn man konstatiert: Die Grauen Engel wollen die Kinder, warum auch immer - welchen Sinn sollte es machen, jemandem wie Dr. Philipps einen Parasiten einzupflanzen, um sie zu beherrschen und dann als mordendes Kleinkind im Körper einer älteren Dame durch die Gemeinde zu schicken und Kindergärtnerinnen und Schulrektoren zu massakrieren?! Mal abgesehen davon, dass das dem Unternehmen überhaupt nicht dienlich ist, schadet es demselben sogar eher, denn es lenkt die Aufmerksamkeit auf die Gemeinde, so dass es dadurch viel schwieriger wird, der Kinder habhaft zu werden. Wenn man die Gören nun unbedingt in seine finsteren Pläne miteinschließen möchte, warum macht man das dann auf so hanebüchene Weise? Man könnte die Kinder auch einfach so rauben - ohne viel Aufsehen (wie man es später ja auch viel sinnvoller macht)?!
      Sorry, aber das ist für mich Groschengrusel-Niveau. Schon früher gewesen. Und heute nicht minder.

      Und dann die Poltergeist-Erscheinung. Was soll das?
      Mal abgesehen davon, dass ich es skripttechnisch äußerst gewagt finde, Burns durch Bakerman gaaaanz zufällig nach Port McNeill schicken zu lassen, nur um eine relativ harmlose Geistererscheinung zu untersuchen (und aus keinem anderen Grund, wie Bakerman ja deutlich betont), die ihn aber dann natürlich direkt in die Arme der Grauen Engel führt, verstehe ich auch nicht, was er dort von Steven Burns überhaupt will. Immerhin ist ja seine Mitarbeiterin Dr. Philipps bereits vor Ort. Und sie scheint ja auch viel kompetenter zu sein, was den Umgang mit Geistererscheinungen anbelangt. Insofern macht allein schon die Episodenprämisse keinerlei Sinn.

      Aber gut, ist nun mal so. Mit viel Phantasie könnte man sich das vielleicht noch hinbiegen, aber was kommt nun bei dieser Geister-Geschichte rum: Der Geist ist der ungeboren verstorbene Zwilling der Geisterseherin Amanda, der diese vor dem dräuenden Unheil warnen will und deshalb mehr als schwammig auf den Kindmann verweist. Dabei geschieht so viel Brimborium, dass natürlich niemand die Warnungen versteht, sondern alle sich vor Angst beinahe ins Höschen machen. Während die besessene Dr. Philipps händeringend danach trachtet, den Geist zu vertreiben, damit die finsteren Pläne nicht ans Licht kommen.

      Also mal abgesehen von dem Geist, der sich ziemlich dumm anstellt (könnte man mit leben, mögen ja vielleicht nicht die hellsten Kerzen auf der Jenseits-Torte sein), ist es doch ein nahezu wirrer Zufall, dass ausgerechnet die Frau, die man Wochen zuvor dazu ausersehen hat, per Operation zu einem willigen Werkzeug zu werden, von Bakerman zufällig zu den Garners geschickt wird, um den Geist zu bekämpfen, der vor ihr (Philipps) und ihren Mindnappern warnen will.

      Nee, sorry, das sind mir zu viele Volten des Schicksals, zu viele Zufälle, die da zusammenkommen, zu viele Ereignisse, die krampfhaft herbeigeführt werden und insgesamt zu konstruiert wirken. Und da ist nicht mal der Kindmann selbst thematisiert, um den herum die ganze Handlung aufgebaut wird, obwohl er doch eigentlich nicht groß etwas dazu beiträgt, außer sich im entscheidenden Augenblick zerfleischen zu lassen.

      Interessant fand ich dagegen von Anfang an, dass ausdrücklich davon die Rede ist, dass er graue Haare hat. Da stellt sich natürlich die Frage, ob er einfach nur ein alternder Mann ist und deshalb graue Haare hat - oder ob es hier einen Bezug geben sollte zu den grauhaarigen Kindern, die später wieder auftauchen. Vermutlich nicht, denn das passte ja nicht gut ins Bild. Dennoch eine verwirrende Parallele.

      Was die Sprecher anbelangt, so verzichtet Sassenberg hier auf Laien, die ihren Text stammeln. Alle Sprecher bieten eine solide bis sehr gute Leistung. Besonders Wolfgang Bahro, von dem ich gewöhnlich kein großer Freund bin, und Klaus Jepsen als Sergeant Fenwick möchte ich hervorheben. Letzterer ist maßgeblich dafür verantwortlich, dass eine Dialogpassage für mich zu einer Art Klassiker geworden ist:

      Fenwick: Ich will endlich wissen, wer meine Männer killt.
      Burns: Das Böse.
      Fenwick: Das Böse? Und was will das hier?

      (sinngemäß)

      =) Herrlich! =)

      Auch Jürgen Kluckert liefert ein weiteres Mal eine unglaublich düstere und fesselnde Performance ab, die diese Folge, bei allen Ungereimtheiten und inhaltlichen Schwächen, die ich in ihr sehe, phasenweise doch zu einem Genuss werden lässt. Barbara Ratthey spricht hier zum ersten Mal Dr. Philipps, und wie nicht anders zu erwarten, macht sie das äußerst vergnüglich, auch wenn man ihre Stimme in der Rolle der Besessenen während der Taten natürlich unschwer zuordnen kann. Sehr überraschend ist der Twist am Ende, in dem sie sich als die wahre Übeltäterin zu erkennen gibt, natürlich nicht.

      Die Musik bleibt auf dem hohen Niveau der ersten Folgen, obwohl auch hier noch Musikstücke zum Einsatz kommen, die qualitativ ein wenig gegenüber dem Rest abfallen. Später werden diese aus dem Repertoire ganz verschwunden sein.

      Das Sounddesign überzeugt auf ganzer Linie, wobei ich an dieser Stelle mal die akustische Umsetzung des Anflugs der Grauen Engel positiv hervorheben möchte. Das sachte, aber doch alles dominierende, dunkel vibrierende Flügelschlagen, das sich über die Szene legt, ganz ruhig, aber doch auch majestätisch und alles beherrschend - das ist genial umgesetzt. Das ist auf so unaufgeregte Weise düster und bedrohlich, dass es einen wirklich gruselt beim Hören. Ganz großes Ohr-Kino.

      Ein Wort zu den Covern. Sie haben einen ganz eigenen Look, heben sich deutlich von der Masse ab und bebildern gekonnt die Mystery-Serie, die Gabriel Burns ist. Ich muss aber auch gestehen, dass mir die ersten Cover noch nicht sonderlich zusagen. Sie haben noch nicht die Prägnanz und Schärfe späterer Covermotive. Das zu Die Brut war mir immer zu beliebig. Es sagte mir nichts, hinterließ keinerlei Gefühl bei mir.

      Im Ganzen also wieder einmal eine hervorragend produzierte Folge mit sehr gut aufgelegten Sprechern, die aber deutlich, deutlich, deutlich an den enormen Schwächen der Geschichte krankt. Wer bei Hörspielen alle Fragen nach der Logik auszublenden vermag, wird vielleicht Spaß haben an dieser Episode voller Blut und Horror - meine Freude am Geschehen in dieser Folge zerschellt dagegen an den Klippen und Untiefen einer für mich nicht stringent und befriedigend durchdachten Handlung.

      Ein kleiner Ausreißer nach unten gleich in der zweiten Folge, doch es geht bald wieder bergauf - und zwar deutlich!


      :st: :st: :st2: :st2: :st2:

      >> Kritik ist Liebe. <<
    • Danke für die Blumen! @Smeralda @Cherusker :)

      Bei mir wird der Durchlauf auch einiges an Zeit kosten. So schnell werde ich wohl nicht durchkommen. Mal sehen, wie schnell ich hier immer mal meine Eindrücke posten kann... :zwinker:

      Bis der Durchlauf komplett ist, erscheinen ja vielleicht neue Folgen... voraussichtlich 2030? :green:

      ----------

      Mir fällt jetzt beim Wiederhören (ich habe auch schon Experiment Stille und Angst aus Eis flüchtig reingehört) auf, dass ich gar kein so riesiger Fan der allerersten Folgen bin. Damals hatte man mich noch nicht so richtig gefangen genommen, das kam erst später, mit den Folgen 7+. Obwohl es unter den ersten sechs für meinen Geschmack immerhin zwei richtige Meisterwerke gibt (welches ich, neben Der Flüsterer, meine, verrate ich aber an dieser Stelle noch nicht. :zwinker: )
      >> Kritik ist Liebe. <<
    • Evil schrieb:

      Hardy, rezensierst du jetzt alle 45 Folgen???
      Das hoffe ich doch!!

      @Hardenberg
      Vielen Dank wieder einmal für deine tolle Beschreibung.
      Bei mir ist es solange her das ich die Folge gehört habe, ich kann mich nur an Teile erinnern.
      Durch deine ausführlichen Schilderungen kommen die Erinnerungen aber wieder etwas hoch.
      Freue mich auf die nächsten Folgen und deren Bewertungen von dir!

      Hardenberg schrieb:



      Ein Wort zu den Covern. Sie haben einen ganz eigenen Look, heben sich deutlich von der Masse ab und bebildern gekonnt die Mystery-Serie, die Gabriel Burns ist. Ich muss aber auch gestehen, dass mir die ersten Cover noch nicht sonderlich zusagen. Sie haben noch nicht die Prägnanz und Schärfe späterer Covermotive.
      Ich mochte die Cover größtenteils nicht.
      Oft (nicht immer) waren sie für mich nicht aussagekräftig und anhand eines Covers könnte ich nicht die Folge bestimmen.
      Aber reine Geschmackssache natürlich.
      Besser Illusionen die uns entzuecken als zehntausend Wahrheiten
    • Evil schrieb:

      Hardy, rezensierst du jetzt alle 45 Folgen??? :D

      Hörbücher mag ich nicht. Kenne die von GB auch nicht. Fallen also schon mal raus.

      Und den Soundtrack rezensiere ich auch nicht. :D

      Aber was den Rest angeht: Der Mensch braucht Ziele! :green:

      +++

      @Smeralda

      Manche der Cover fand ich schon ganz gelungen - mysteriös und suggestiv... Staub der Toten etwa, um nur mal eines zu nennen.
      Aber bei anderen gebe ich Dir recht: Viele sind auch eher irgendwie schwammig und kraftlos.

      Aber sie haben einen ganz eigenen Look. Immerhin. :)
      >> Kritik ist Liebe. <<
    • Neu

      Und weiter geht's mit der dritten Folge des Mystery-Epos:

      Gabriel Burns - 03 - Experiment Stille



      (Quelle: amazon)
      Ohrwurm mal anders...

      Alles beginnt mit Bakermans Bericht über ein sogenanntes Experiment Stille, bei dem vor vielen Jahren einmal versucht wurde, die absolute Stille herzustellen und aufzuzeichnen und bei der aus unerfindlichem Grund mittendrin die Zwiesprache dreier Fremder in jeweils unterschiedlicher Sprache aufgenommen wurde, in der von zehn fahlen Orten gekündet wird. Außerdem war ein tiefes Dröhnen zu vernehmen, das nun, in der Gegenwart, an anderer Stelle erneut auftritt. Also werden Steven Burns, Joyce Kramer und der aus der ersten Folge bereits bekannte Larry Newman, der neu zum Team Bakerman dazustößt, auf die Bohrinsel Seahawk Five gesandt, um die Ursache dieses Dröhnens zu untersuchen. Sehr bald schon stoßen sie auf eine feindlich gesinnte Besatzung, auf Ohrwürmer, die den Willen eines Mneschen zu kapern vermögen, auf Tote, die sich aus unerfindlichem Grunde wieder erheben und auch unheimliche Meereswesen, die im Ruch stehen, dämonischen Ursprungs zu sein, und die für all die Geschehnisse ursächlich verantwortlich zu sein scheinen. Am Ende sichtet man darüber hinaus eine Fregatte der kanadischen Marine, deren Besatzung offensichtlich bemüht ist, diese fremdartigen Meereswesen zu fangen, um sie für ihre dunklen Zwecke einzusetzen. Erinnerungen an Eden Creek werden wach, denn auch dort erhoben sich die Toten. Ist dafür etwa die schleimige Außenhaut dieser Wesen verantwortlich?

      Um das mal vorweg zu sagen:
      Die Vielfalt an Themen, die bei Gabriel Burns gestreift wird, ist wirklich beachtlich, nicht nur in dieser Folge, sondern auch in vielen mehr. Raimon Weber und Volker Sassenberg geben sich viel Mühe, ihre Serie mit außergewöhnlichen und faszinierenden Settings und Motiven auszustatten, die für sich allein genommen schon von großem Reiz sind. Hier nun also das Experiment Stille und der Austausch dreier Fremder, die sich in rumänischer, vietnamesischer und isländischer Zunge über finstere Zukunftsaussichten austauschen. Allein dieses Setting sprudelt über vor Phantasie und Lust am Erzählen. Es ist eine wahre Freude, sich auf dieses bei jeder Folge neu beginnende Spiel einzulassen.

      Wie das jedoch im weiteren in dieser Folge umgesetzt und weiterverfolgt wird, vermag mich aber leider nicht auf ganzer Länge zu überzeugen. Wieder scheint es mir - wie zuletzt bei Folge 02 - Die Brut -, als wäre dieses Übersprudeln an Einfällen und Wendungen am Ende nicht mehr befriedigend eingefangen worden, so dass schließlich ein etwas schaler Geschmack zurück bleibt - bei allen spannenden und mitreißenden Szenen, die diese Folge dennoch auch bietet.

      Problematisch wird es hier, wenn man mal versucht, die Geschichte von hinten aufzuzäumen. Worum geht es im Kern? Die (uns noch unbekannte) Besatzung einer Fregatte der Kanadischen Marine versucht, die fremdartigen Wesen, Wascos genannt, einzufangen, um aus ihrer Haut einen Stoff zu gewinnen, der die gespenstische Wirkung hat, Tote zu neuem Leben zu erwecken. Es stellt sich heraus, dass es eben das war, was mit den Menschen in Eden Creek passiert war (Folge 1): Die Bewohner der Gemeinde waren mittels Nervengases erst getötet und dann mit einer Injektion der Wasco-Essenz zu neuem (allerdings gestörten) Leben geweckt worden.
      Ähnliches passiert nun mit dem Fischerei-Gehilfen Ivar, der beim (zufälligen) Fang eines Wascos getötet wird und sich wenig später in Steven Burns' Beisein plötzlich erhebt.

      Nun ist es so, dass die Wascos sehr menschenscheu sein müssen, wenn die Fregatte so viel Zeit und Geduld investiert, um eines dieser Exemplare habhaft zu werden. Gleichzeitig fischt aber rein zufällig ein Mann aus der näheren Umgebung ohne Schwierigkeiten eins dieser Viecher aus dem Wasser, als wäre das nichts. Und natürlich ausgerechnet zu der Zeit, als Burns und Kollegen in der Nähe sind, um der Wiederauferstehung beiwohnen zu können. Da wird Kommissar Zufall aber wieder mal sehr heftig bemüht.

      Aber okay, das kann man sich alles gedanklich ja durchaus noch zurechtbiegen.
      Aber was sollen die Geschehnisse auf der Öl-Plattform? Wozu wird Lance mit einem Schleimparasiten im Ohr willens gemacht? Wozu macht man sich die Mühe, Kit Elswa ebenfalls mit dem Wurm zu infizieren, um ihn später in ein Bassin mit trüber Brühe zu legen und auf der Plattform zu lagern?
      Das alles mag sehr eindringlich geschildert, gruselig und spannend und ein bisschen eklig sein - aber so richtig schlüssig ist es auch nach dem wiederholten Hören nicht. Der gesamte Handlungsstrang auf der Öl-Plattform läuft eigentlich den Motiven der Fregattenbesatzung völlig zuwider, denn sie sind natürlich im Grunde nicht interessiert daran, viel Aufsehen zu erregen, machen aber eben dies, indem sie ihre Parasiten ausstreuen und Lance mit Kit Elswa verfahren lassen, wie sie es tun.

      Ich habe nun wirklich schon mehrfach die Handlung in meinem Geiste hin und her gedreht, aber es will einfach nicht plausibel werden. Und das trübt meinen Gesamteindruck doch deutlich, obwohl es, wie ich schon schrieb, einige sehr eindringliche und spannende Szenen gibt (etwa die Szene mit Larry bei Kit Elswa oder Ivars Wiederauferstehung).

      Für mich sind Geschichten, die in sich nicht schlüssig oder die sogar unlogisch erscheinen, ein mächtiger Punkt bei der Gesamtbetrachtung. Ein Hörspiel kann für mich nicht top sein, wenn es der Plot nicht ist. Das mögen andere anders sehen. Bei mir ist es so.

      Einen Autsch-Moment hatte ich ganz am Anfang der Folge, als Burns Joyce Kramer wiederbegegnet und es doch im Hörspiel tatsächlich heißt:

      Einen Moment lang fühlte Steven Zorn in sich aufsteigen. Ihm fiel ein, wie leicht es Joyce Kramer gefallen war, ihn für Bakermans Pläne gefügig zu machen. Sie hatte lediglich ihre Ermordung vortäuschen müssen.

      Diese Sätze sollte man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Wie leicht es Joyce Kramer gefallen war... Sie hatte lediglich seine Ermordung vortäuschen müssen. Lediglich? Was heißt hier lediglich?! Und warum leicht? Es wurde doch, im Gegenteil, ein ziemliches Brimborium veranstaltet, um ihn gefügig zu machen. Dabei wäre das alles doch auch viel leichter gegangen: Bakerman hätte Burns zu sich zitieren können, ihm sagen, dass er weiß, was damals mit seinem Bruder geschehen ist und seine Hilfe bei der Suche anbieten. Den ganzen Kram mit der vorgetäuschten Ermordung hätte man sich völlig sparen können. Wäre aber natürlich viel weniger spannend zu inszenieren gewesen, wenn auch deutlich realistischer. Aber dass es jetzt heißt, man hätte LEDIGLICH die Ermordung vortäuschen müssen, das ist nun wirklich eine total irrwitzige, um nicht zu sagen: beknackte Umschreibung.
      Aber auch wenn ich ihm jetzt so viel Raum einräume: Er trübt den Unterhaltungswert der gesamten Folge natürlich in keinster Weise. Aber es fällt halt auf.

      Positiv zu erwähnen ist von mir dagegen der trockene Humor, der hin und wieder aufblitzt, zum Beispiel in der Szene, als Burns Larry wiederbegegnet, und dieser ihm sagt, dass er sich freue, zum Team Bakerman dazuzustoßen, die Bezahlung sei ja auch viel besser. Worauf Burns nur kurz und trocken erwidert: Bezahlung?
      Das trifft wirklich mein Humorzentrum. Sehr schön!

      Die Sprecher machen allesamt einen guten Job. In diesem Punkt ist nichts zu beklagen, auch wenn der ganz große Überflieger - mal abgesehen vielleicht vom konstant großartigen Jürgen Kluckert - in dieser Folge fehlt.

      Das Sounddesign kommt in dieser Folge sehr reduziert herüber, mir an manchen Stellen sogar zu reduziert - so klingt das tosende Meer um die Öl-Plattform, für mich eher nach mäßiger Brandung -, doch im großen und ganzen gibt es auch hier keinen Grund zur Klage.

      Die Musik ist, wie schon in den Vorgängerfolgen, sehr stimmungsvoll und bei allen Einsätzen passend.

      Alles in allem also eine wieder einmal hochsolide produzierte Hörspielfolge voller spannender und fesselnder Szenen und Wendungen, die aber ein weiteres Mal nach Folge 2 an der Brüchigkeit des Plots leidet. So hinterlässt sie, bei aller Unterhaltung, leider einen schalen Nachgeschmack, der bedauerlicherweise auch Einfluss auf die Gesamtwertung hat.

      (Und wer jetzt denkt: Was tut er sich das eigentlich an, wenn er doch so viel zu mosern hat: Wir kommen noch zu den Folgen, die für mich absolute Highlights sind und mich meine Kritik an diesen frühen Folgen halbwegs vergessen lassen!)

      Actionreich, spannend, fesselnd - so präsentiert sich die Inszenierung rund um einen leider etwas löchrigen Plot. Diese Folge ist kein Meisterwerk, aber immerhin gute Unterhaltung.

      :st: :st: :st: :st3: :st2:


      .
      >> Kritik ist Liebe. <<
    • Neu

      Danke für die Blumen, McEvil, aber Du überschätzt meine Fähigleiten. Am Leben halten kann ich GB nicht. Ich habe ja kein Ila Al Khalf. Noch nicht mal ordinären Wasco-Schleim...

      Aber ich halte GB hier im Hörgrusel vielleicht ein Stück weit im Gespräch, das mag durchaus sein. Wie gesagt, vieles an dieser Serie beeindruckt mich und lässt mich auch nach Jahren noch mit ihr verbunden fühlen. (Beinahe ebenso viel finde ich daran aber auch zum Haareraufen... aber egal, was ich fühle: GB lässt mich zumindest nicht kalt.)
      >> Kritik ist Liebe. <<
    • Neu

      Gabriel Burns - 04 - Angst aus Eis



      (Quelle: amazon)


      Tödliche Kinderschreie in finsterer Nacht...

      Steven Burns und Larry Newman werden von Bakerman dieses Mal nach Island gesandt, genauer gesagt: zum Dranga-Gletscher. Dort ist vor über dreißig Jahren ein riesenhafter Ammonit aufgetaucht, aus dem das Grauen hervorkroch und viele Menschen ermordete. Nun scheint dieses Grauen zurückgekehrt zu sein.
      Gleichzeitig sucht Joyce in Vancouver Leif Magnusson auf, einen der Überlebenden des Vorfalls vor dreißig Jahren, und wird dabei mit einem eiskalten Gegenspieler namens Luther Niles konfrontiert, der Joyce überwältigt und Magnusson entführt.
      Mithilfe eines geheimen Senders schaffen es Bakerman und Joyce, Niles' Spur bis in einen Metallveredelungsbetrieb zu verfolgen, wo Magnusson gefoltert wird, um aus ihm den Ort der Geschehnisse von damals herauszupressen. Gleichzeitig stoßen Bakerman und Joyce auf ein grün leuchtendes, netzartiges Gebilde, das sich als Tor zu einem unbekannten Ort erweist.
      In Island treffen unterdessen Burns, Newman, zwei einheimische Kontaktleute und ein junger Mann, der sich ebenfalls als Luther Niles vorstellt, gemeinsam mit seiner Freundin erneut auf das Grauen, das schon vor Jahrzehnten den Ort heimgesucht hat: skorpionartige Wesen, die das Geräusch um Hilfe schreiender Kinder ausstoßen, locken Niles' Freundin in eine leere Dachkammer, wo sie den Tod findet.
      Die Überlebenden machen sich auf zu dem Ammoniten im Eis und betreten ihn. Es stellt sich heraus, dass es sich hierbei um ein von fremder Seite modifiziertes Fossil handelt, das offensichtlich uns noch unbekannten Zwecken dient. In Nischen harren erstarrte Ammonitenskorpione, die allmählich, nachdem Luther Niles scheinbar versehentlich einen Mechanismus aktiviert, zu neuem Leben erwachen. Außerdem droht das riesige Gebilde im schmelzenden Eis einzusinken und in die Tiefe zu stürzen.
      Nur mit letzter Not schaffen es Burns und seine Mitstreiter noch an die Oberfläche, ehe der Ammonit im ewigen Eis versinkt.
      Luther Niles gibt sich als Gegenspieler zu erkennen und verkündet am Telefon einem Unbekannten die erfolgreiche Zerstörung des Ammoniten. Larry Newman, aufgebracht über die Kälte, mit der Niles das Ableben seiner vermeintlichen Freundin hinnimmt, erschießt Niles, als dieser sich davonmachen will.
      Später stellt sich heraus, dass mit Niles etwas nicht stimmen kann: Der echte Niles war ein Agent des kanadischen Geheimdienstes und ist seit langem tot. Bei den beiden Personen, die an unterschiedlichen Orten auftauchten und sich Niles nannten, handelte es sich um Nachzüchtungen dieses ursprünglichen Luther Niles - um Mutationen.

      Wieder werden wir in einer atemberaubenden Szenenfolge durch die Handlung getrieben. Langeweile kommt nicht auf. Wie die Herren Weber und Sassenberg ihre komplexen Handlungsbögen mit unglaublicher Kraft in aktionsgeladene oder hochspannende Spielszenen einweben, ist wirklich beeindruckend. Es wird sich nicht mit überlangem Gerede aufgehalten, sondern gleich mit vollem Tempo in den Plot gestürzt - und doch findet man immer wieder genügend Gelegenheit, die für das Verständnis halbwegs notwendigen Informationen darzureichen. Dies geschieht mitunter so beiläufig in diesem Feuerwerk aus Thrill und Grusel, dass einem schnell das ein oder andere Fakt entgehen könnte.

      Zudem werden in dieser Folge zwei neue Beigaben des Burns-Kosmos eingeführt, die zu den stärksten der ganzen Serie gehören: die Ammonitenskorpione und Luther Niles.
      Sehr schön sind die Skorpione, die in finsterer Nacht die Schreie um Hilfe greinender Kinder imitieren, um die Menschen vor die Tür zu locken und dann mit einem schnellen Stich ins Herz zu töten. Das Heulen und Schreien ist dabei so markerschütternd, dass es einen beim Hören wirklich gruselt. Für mich eine der schauerlichsten Kreaturen der gesamten Burns-Welt.

      Luther Niles ist dagegen ein Gegenspieler aus Fleisch und Blut, wenn auch nicht natürlichen Ursprungs, wie wir am Ende erfahren. Es handelt sich bei ihm um eine Züchtung. In dieser Folge begegnen wir zwei Exemplaren. Aber es wird nicht bei diesen beiden bleiben.

      Die Handlung ist aufregend, das Setting mal wieder hervorragend gewählt und mit erstaunlicher Souveränität in fesselnde Klangwelten verwandelt. Das Sounddesign dieser Folge überzeugt auf ganzer Linie!

      Leider gibt es aber auch bei dieser stimmungsvollen Episode einiges, das der genauen Betrachtung nicht so recht standhalten mag. So betreibt der Luther Niles, der in Vancouver ist, einen ziemlichen Aufwand, um Leif Magnusson zu finden, lockt dabei unsere Helden, ohne es zu wissen, genau dorthin, wo die Handlung sie unbedingt haben muss - nur um dann zu verkünden, dass er und seine Hintermänner die Information, die sie gerade erfolglos aus ihm herauszupressen suchten, bereits längst hätten. Sie wollten sich bloß vergewissern... Sorry, aber das ist ein weiteres Mal keine sonderlich befriedigende Auflösung eines Handlungsstranges, sondern schmeckt erneut viel zu konstruiert. Wenn man Bakerman und Joyce unbedingt im Metallveredelungsbetrieb haben wollte, um das Wolframnetz zu finden, dann hätte man das auch nachvollziehbar begründen müssen. So aber ist das leider nur ein schlechter Witz.

      Überhaupt ist es ja sehr unverständlich, dass Magnusson vorher von einer Bewohnerin seines isländischen Heimatdorfes telefonisch erreicht werden konnte, um ihm zu berichten, dass das Grauen an den Dranga-Gletscher zurückgekehrt ist. Wie Bakerman nämlich später erzählt, hat er vor vielen Jahren Magnusson von der Bildfläche verschwinden lassen, um ihn zu schützen. Wie sollte also ausgerechnet eine alte Isländerin herausfinden können, wo er sich gerade aufhält?
      Und noch dazu wird sie dabei von Niles und seinen Leuten auch noch belauscht, so dass sie über diesen Anruf an Magnussons Aufenthaltsort gelangen.
      Nein, das schmeckt ein weiteres Mal nach Löchern im Plot. Das fällt zwar unter der Rasanz der dargestellten Ereignisse nicht so deutlich auf wie noch bei den beiden Vorgängerfolgen - aber man spürt dennoch, dass hier irgendwas nicht so recht stimmen kann.

      Die Frage, warum jetzt nach dreißig Jahren das Grauen zurückkehrt, wird übrigens auch nicht beantwortet. Beim ersten Hören dachte ich, dies würde eines Tages noch geklärt. Aber das wurde es nie. Auch das ist ein wenig unbefriedigend. Was war also in der Zwischenzeit? Und warum kehrt ausgerechnet jetzt neues Leben in den Ammoniten?
      Vielleicht wird Gabriel Burns ja tatsächlich eines Tages fortgesetzt und diese Frage noch beantwortet...

      Die Sprecher sind wieder einmal hervorragend. Zu den uns vertrauten Sprechern treten hier Christian Rode, Dennis Schmidt-Foß und Roland Hemmo in Gastrollen auf, und sie alle machen einen wirklich verdammt guten Job. Besonders hervorheben muss man natürlich auch Simon Jäger in seiner Rolle als Luther Niles. Er verleiht seinem Bösewicht eine so wunderbare Kaltschnäuzigkeit, schafft es dabei aber spielend, seinen Luther auch sympathisch und warmherzig darzustellen, wenn es dessen finstere Umtriebe notwendig machen - das ist wirklich große Sprecherkunst. Einzig Santiago Ziesmer als Informantin (sic!) klingt nicht wie die Frau, die er spielen soll. Warum man hier auf die Idee gekommen ist, diese Rolle mit einem Mann zu besetzen, ist mir ein Rätsel. Nun hat diese Person nicht viel Raum innerhalb der Handlung, aber ein wenig störend fürs Ohr ist diese Besetzung schon.

      Einziger Kritikpunkt an dieser Stelle, der aber eigentlich eher die Inszenierung betrifft, bezieht sich auf den Tod von Niles' Freundin im Haus des alten Isländers. Sie lässt sich durch das Kinderschreien ins Obergeschoss locken, obwohl die Beteiligten doch längst ahnen, dass dort eine tödliche Gefahr lauert. Dennoch hält sie niemand ab, und es eilt ihr auch niemand hinterher, um sie vor einem grausamen Schicksal zu bewahren. Erst als sie tot ist, bequemt man sich nach oben.
      Die Art, wie das in Szene gesetzt ist, lässt die Beteiligten nicht besonders gut aussehen; eher wirken sie alle seltsam teilnahmslos beim Tod der Frau. Das hätte man besser machen können.

      (Und im Zusammenhang mit dieser Szene stellt sich natürlich auch die Frage, wo der Skorpion plötzlich abgeblieben ist, als die Überlebenden zu der Toten treten. Auf einmal ist er verschwunden. Obwohl er doch ansonsten ziemlich mordlustig ist. Warum sollte er nicht versuchen, auch noch die anderen zu töten? Und warum sollten ihm nicht andere Skorpione durch dieses Einfallstor folgen? Dass dies nicht geschieht, erscheint ziemlich willkürlich und wenig stringent.)

      Das Sounddesign ist, wie oben bereits erwähnt, hervorragend. Im Zusammenspiel mit der gut ausgewählten Musik gelingt es ganz wunderbar, Gletscher-Atmosphäre zu erschaffen. Die Skorpione sind klanglich der Wahnsinn! Und das Flirren des Wolframnetzes ist ebenfalls beeindruckend gelungen. Hut ab!

      Insgesamt also eine sehr spannende, teilweise sogar richtiggehend gruselige Folge, die uns mal wieder atemlos durch die ransante Handlung peitscht. Leider finden sich auch hier einige Ungereimtheiten innerhalb des Plots, die im Nachgang des Hörgenusses ein wenig übel aufstoßen, doch die einzelnen Szenen sind hier dermaßen beeindruckend, atmosphärisch so dicht und unglaublich intensiv umgesetzt, dass die Logiklücken bei dieser Folge nicht so deutlich ins Gewicht fallen wie noch bei den letzten beiden Folgen.

      Schauerliche Ammonitenskorpione und ein neuer, eiskalter Gegenspieler - diese Folge ist ein atmosphärisches Feuerwerk.


      :st: :st: :st: :st: :st2:



      .

      >> Kritik ist Liebe. <<
    • Neu

      Ich habe ja nie verstanden, warum Sassenberg Niles erst so viel Raum eingeräumt und ihn dann so plötzlich und ohne Not wieder hat fallen lassen. Bei experiment-stille hatten wir doch mal nachgerechnet und waren zu dem Schluss gekommen, dass es durchaus noch intakte Züchtungen geben müsste.

      +++

      In den Anfängen der Serie glaubte ich übrigens fest daran, dass die Ammonitenskorpione und die Grauen Engel/Niles usw. zu unterschiedlichen Fraktionen gehören, weil doch die Grauen Engel Kinder klauen wollten - und die Skorpione mit Kinderschreien locken und dann mit einem Stich ins Herz töten. Ich dachte, die Skorpione wären die Feinde der Grauen Engel bzw. schützten den Inhalt des Ammoniten und die toten Menschen wären nur so etwas wie Kollateralschäden...
      >> Kritik ist Liebe. <<
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      Spoiler anzeigen
      Die Ammoniten hatten sie „nur“ gebraucht, um bestimmte Spezies zu züchten ( die Engel selbst), als das dann erledigt war, beseitige man die Beweise sprich Ammoniten ( und die darin lebenden Skorpione, diese hatten wohl ihren Zweck erfüllt)

      So ungefähr hab ichs noch in Erinnerung, obs so war will ich 100% nicht behaupten. Ist auch schon wieder lange her, als ich die Folgen zig mal hörte.
      Und mit Niles hatte ich es auch so empfunden. 100% potentieller Charakter, und dann wurde er fallen gelassen.
      Kam das Hörbuch kinder mit Niles im Fokus eigentlich noch heraus? Ich glaub auch nicht mehr...
      Ich hab damals den Roman gelesen, der war echt klasse.
      Menschlichkeit ist nur noch eine dunkle Erinnerung...
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      Ja, so habe ich das auch in Erinnerung mit den Ammoniten, aber bei Erscheinen der 04 hielt ich die Skorpione noch für Vertreter einer dritten Fraktion.

      Ob das Hörbuch noch erschienen ist, weiß ich gar nicht. Aber ich war auch nicht scharf auf Hörbücher. Warum man das überhaupt so gehandhabt hat mit den Hörbüchern, habe ich nie verstanden. Ich hielt das immer für einen großen Fehler, die nicht ebenfalls als Hörspiele zu vertonen. Hätte ein paar tolle Sonderfolgen abgegeben, vor allem natürlich die Niles-Geschichte.
      >> Kritik ist Liebe. <<