Gruselkabinett - 117 - Ewige Jugend

    • Gruselkabinett - 117 - Ewige Jugend



      Gruselkabinett - 117 - Ewige Jugend

      Zum Inhalt:
      Bei einem Besuch in Wien verliebt sich der junge, in der Liebe noch unerfahrene Graf Emmerich Kemen unsterblich in die faszinierende, geheimnisumwitterte Gräfin Elisabeth Báthory, verwitwete Nádasdy. Diese soll angeblich über 50 Jahre alt sein, obwohl sie aussieht wie 20, und es geht das Gerücht, sie erhalte sich ihre jugendliche Schönheit durch Bäder im Blut von Jungfrauen. Selbst als er Zeuge der Grausamkeiten der Gräfin wird, schmälert das Kemens beinahe schon sklavische Verehrung in keiner Weise, und er reagiert geradezu euphorisch, als ihn die Angebetete auf ihr Schloß in den Karpaten einlädt...

      Zur Produktion:
      Nach "Gruselkabinett - 99 - Die Toten sind unersättlich" wagt sich das Label Titania nun zum zweiten Mal an die Vertonung einer Geschichte des skandalumwitterten Autors Leopold Ritter von Sacher-Masoch(27.01.1836-09.03.1895), der unter anderem auch eine Zeit in Wien (dem Ausgangspunkt der Erzählung) gelebt hat. "Ewige Jugend" erschien erstmals 1886, dem Jahr, als sich Sacher-Masoch auf dem Höhepunkt seiner schriftstellerischen Tätigkeit befand und in Frankreich sogar einen Orden erhielt, was Zeitungen wie "Le Figaro" zu Stürmen der Begeisterung hinriss. Im Gegensatz zu anderen Autoren, befindet sich das Werk Sacher-Masochs nur in begrenztem Umfang im internationalen Public Domain, und gerade diese Geschichte habe ich leider vergeblich gesucht. Entsprechend ist es mir diesmal auch nicht möglich, einen Vergleich zwischen der Vorlage und dem Hörspiel zu ziehen. Ich gehe jedoch davon aus, daß sich Skriptautor Marc Gruppe relativ dicht an Sacher-Masoch gehalten hat. Herausgekommen ist auf jeden Fall eine bemerkenswerte Geschichte mit überaus interessanten Figurenkonstellationen. Die Handlung mag heutzutage nicht mehr besonders originell wirken, und in der Tat sind Ort und Motivik bereits in anderen zeitgenössischen Erzählungen verarbeitet worden, aber meiner Meinung nach nicht mit einer solchen Intensität.
      Eine Verknüpfung von körperlicher Gewalt bzw. Erniedrigung und Erotik herzustellen, ist heute noch fast so gewagt wie damals, und ich finde es gut, daß der immer latent vorhandene "erotische" Unterton beibehalten wurde. Auf die Symbolik des "Jungfrauenblutes" in diesem Zusammenhang, will ich allerdings nicht näher eingehen, da es den Rahmen einer Rezension sprengen würde.

      (Aufgrund der Zeichenlimitierung auf 10.000 pro Post, muss dieser Text in dem nächsten Post fortgeführt werden. :augenroll:)
    • (Fortsetzung)

      Genauso knisternd wie die Handlung, ist auch das Verhältnis der Hauptcharaktere. Da gibt es einmal den naiven, jungfräulichen Emmerich, der seine erste Liebe erlebt. Ihm werden gleich zwei Frauentypen gegenübergestellt: die geheimnisvolle, sexuell sehr erfahrene Elisabeth, der es Spaß macht, mit Männern zu spielen und sie zu erniedrigen, und die sanfte, unschuldige, offen wirkende Gisela. Das schafft quasi ein Spannungsfeld zwischen "Abenteuer mit vielleicht schlimmen Konsequenzen" und "Bodenständigkeit mit möglicher Monotonie".
      Ebenso interessant finde ich das gegenseitige Verhältnis der beiden Hauptfiguren: die sadistische Gräfin gewinnt aus den physischen und psychischen Peinigungen anderer sexuelle Befriedigung, während ihr mehr als williges Opfer, der masochistisch veranlagte junge Graf, die ständigen Hinhaltungen und Herabwürdigungen zu genießen scheint.
      Marc Gruppe erzählt die Geschichte durchweg spannend, und bereits die erste Grausamkeit, welche die Gräfin begeht, lässt das anfängliche Unbehagen des Hörers ihr gegenüber schnell zu einer Gänsehaut werden. Wieviel Grusel in diesem Hörspiel aufkommt, hängt mit von der Phantasie des Hörers ab. Nach der ziemlich brutalen ersten Untat gegenüber einer Untergebenen der Gräfin, fürchtete ich zurecht jedesmal um Leib und Leben der Unglücklichen, die den Zorn der lustvoll Quälenden auf sich gezogen hatten. Denn egal, was ich vorher als mögliche "Bestrafung" erwartete, die Gräfin hatte immer noch Schlimmeres in petto.
      Der Höhepunkt der Geschichte ist natürlich die blutige Hinrichtung in der eisernen Jungfrau gegen Ende des Hörspiels. Diese ist auch in sofern bemerkenswert, als Sacher-Masoch der erste Schriftsteller war, der das mittelalterliche Folterinstrument in eine Geschichte einbaute. Entsprechend der Erwartungshaltung des damaligen Publikums, und natürlich, um die bis dahin schon arg angekratzten bürgerlichen Moralvorstellungen nicht noch weiter zu strapazieren, siegt letztlich das "Gute", allerdings nicht so, wie es mancher Hörer vielleicht erwarten dürfte.
      Die Produktion von Stephan Bosenius und Marc Gruppe ist einmal mehr nur als erstklassig zu bezeichnen, egal ob es um die Musik oder die Geräusche geht. So haben die beiden für die Eröffnungsszene eine ruhige, schöne Melodie ausgewählt, die, passend zum Ambiente, mit Streichinstrumenten, Hörnern und Klavier intoniert wird. Abgesehen von dem harmonischen Kirchenchor-Gesang, gibt es dann im gesamten Hörspiel nur noch zwei ungezwungene Weisen, und zwar auf der friedlich verlaufenden Reise zum Schloß und dem opulenten Ball. In allen anderen Szenen herschen düstere, bedrohlich wirkende Synthesizerklänge vor, von denen einige so tief auf der Frequenzskala liegen, daß man die Vibrationen förmlich im Bauch spürt. Genauso passend wie die musikalische Untermalung, fällt auch die Geräuschkulisse aus. Pferde wiehern, Hufgetrappel ertönt, da wird mit Geschirr geklappert, und nachts ruft das bei Titania schon fest dazugehörige Käuzchen bzw. schlägt eine Kirchturmuhr. Während mir die Einspielung der schreienden Pfauen, eine Vogelart die sehr gut zu der Gräfin und ihrem Schloß passt, außerordentlich gefiel, war ich mit den rasselnden Ketten weniger zufrieden. Diese klingen irgendwie nicht schwer und bedrohlich genug. Gut gefallen haben mir hingegen wieder die "Massenszenen", wie die Menschenmenge bei dem Fest oder die Jagdgesellschaft, da diese akustisch so gestaltet sind, als wäre der Hörer unmittelbar zugegen. Die unterschiedlichen Halleffekte in der Kirche, bzw. in der Zelle, (mal mehr Nachhall, mal weniger, je nach darzustellender Räumlichkeit) tragen ebenfalls wesentlich zum natürlichen klingenden Geräuschteppich bei.

      Zu den Sprechern:
      Die schon etwas ältere Stimme von Peter Weis(Erzähler) ist eine ausgezeichnete Wahl für den hier Vortragenden. Weis hat nicht gerade wenig Text, schafft es jedoch professionell, den Hörer mit seiner unaufdringlichen Art, allein durch gefühlvolle Betonung, mitzureißen. Sprecherische Highlights sind aber ganz klar die beiden Hauptcharaktere Arianne Borbach(Elisabeth Nádasdy) und Patrick Baehr(Emmerich Kemen). Borbach präsentiert hier die ganze Palette ihres Könnens, und ihr Portrait der sadistischen Adligen bedeutet Hörgenuss pur. Eine abgrundtief böse oder durchweg herzensgute Gestalt zu spielen, ist sehr viel einfacher, als einen so vielschichtigen Charakter zu interpretieren, wie hier gefordert. Borbach schaltet dabei mühelos von der sanften, freundlich wirkenden Frau auf die brutale Herrin umzuschalten, und das wahlweise schlagartig oder langsam und bedrohlich. Besonders beeindruckt hat mich dieser gewisse Unterton, mit dem sie ihren Text spricht, wenn sie als Sadistin agiert. Ebenso gut ist Patrick Baehr(Emmerich Kemen) in seinem Part als bescheidene männliche Jungfrau, die einer Frau verfällt, ihr aber in keiner Weise gewachsen ist. Besonders die Herausarbeitung von Emmerichs innerer Zerissenheit, einerseits vom Verhalten der unmenschlichen Gräfin angewidert zu sein, dies aber andererseits zu genießen, kann man nur als absolut gelungen bezeichnen. Die drei Zufallsbekanntschaften werden von Patrick Bach(Massei) als heissblütiger Italiener, der für eine deutsche Frau schwärmt, Dirk Petrick(Starhemberg) als geschwätziger österreichischer Graf und Roman Wolko(Czernin) als etwas überheblicher Böhme stilgerecht dargestellt. Daniela Bette(Zofe) leiht ihre Stimme dem gequälten Dienstmädchen, und ihr Schreien klingt dabei so realistisch, als durchleide sie tatsächlich dessen Folterungen. Sascha von Zambelly(Koloman von Perusies) überzeugt in der Rolle des besorgten Bruders, der alles für seine Schwester tun würde. Das gilt auch für Maximiliane Häcke(Isabella von Perusies) als seine Schwester, die sich im Laufe des Geschehens vom unbesorgten Teenager zu einer völlig verängstigten Frau wandelt, letztlich aber doch genug Mut und Selbstbewusstsein aufbringt, um sich gegen die Gräfin und deren Wünsche zu stellen. Kristine Walther(Gisela Kery) hat mir auch sehr gut gefallen. Es gelingt ihr, allein schon durch die Art, wie sie ihre ersten Sätze spricht, dem Hörer das Gefühl der Verliebtheit zu vermitteln, noch bevor der Erzähler diese "Vermutung" bestätigt. Sie verkörpert gleichsam den Inbegriff der herzlichen, aufopferungsvollen Frau, der die Sicherheit des Geliebten noch über die eigene geht. Johannes Bade(Delinquent) ist der unglückliche Page der Gräfin, der aus Versehen einen Blick zuviel riskiert hat und dafür unverhältnismäßig hart bestraft wird, und Joachim Tennstedt(Henker) spielt seinen unterwürfigen Folterknecht. Marcel Barion(Stallbursche) kann man kurz hören, als er das Pferd der Gräfin beruhigen muss, und Axel Lutter(Ipolkar) besticht als gewissenloser Helfer der Gräfin, dessen dreckiges Lachen zurecht nichts Gutes vermuten lässt. Marianne Mosa(Arwa) glänzt in dem Part der alten, unheimlich wirkenden Amme, die der Gräfin treu ergeben ist, während mir Detlef Bierstedt(Palatin) mit seinem dienstlichen Ton etwas "flach" und zu emotionslos wirkte. In weiteren Nebenrollen treten noch Johannes Bade(Soldat), Marcel Barion(Soldat) und Kai Naumann(Soldat) als pflichtbewusste Staatsdiener auf.

      Fazit:
      Jeden Sinn ansprechende Adaption der literarischen Vorlage, die zum Wiederhören einlädt.

      Das Hörspiel Gruselkabinett - 117 - Ewige Jugend
      gibt es bei
      Amazon.de
      oder bei
      POP.de
    • Vielen Dank für die ausführliche Rezension. Ohne noch das HörSpiel gehört zu haben, fällt mir noch folgendes dazu ein. Der Begriff "Masochismus" lässt sich auf den Namen dieses Autoren ableiten. Und Marianne Mosa, die legendäre TSB-Sinclair Erzählerin in einem Hörspiel wieder hören zu dürfen, freut mich natürlich ungemein.

      Allgemein muss ich schreiben, dass mir solche Themen nicht so behagen. Gruselstimmung sucht man meist vergebens. Hier wird der Horror nicht durch übernatürliche Erscheinungsformen erzielt, sondern durch allzu (un-)menschliches Verhalten erzeugt. Das geht dann mehr in Richtung Abscheu und Ekel als Gänsehaut. Aber ich werde mich diesem Hörspiel stellen. Einerseits weil ich diese Serie gerne sammle, weil es auch fast vor meiner Haustür spielt, weil ich mich freue Marianne Mosa, wenn auch nur kurz, zu hören und weil man ja immer zu erst hören und dann urteilen soll. Ich bin auf alle Fälle sehr neugierig wie mir diese Folge gefallen wird!
      Baba :winke4:
    • Intressieren würd mich die Folge auch! Hab aber grad sooooo viele Sinclairs, Fosters und Fallen(s) gehört, dass ich gar net mehr weiß wo hinten und vorne ist! :wirr2:
      Danke mal für die hilfreiche Rezi Moas. :daumenhoch:
      Menschlichkeit ist nur noch eine dunkle Erinnerung...

    • Gruselkabinett - 117 - Ewige Jugend



      Endlich mal wieder ein echtes Highlight!


      Welches Geheimnis verbirgt sich hinter der ewigen Jugend, mit der die ebenso schöne wie grausame Gräfin Elisabeth Nádasdy gesegnet zu sein scheint? Ein junger Edelmann erliegt ihren Reizen und verfängt sich recht bald in einem tückischen Wechselspiel aus lustvollem Begehren und schmerzlicher Leidenschaft, aus dem es kein Entrinnen zu geben scheint – bis sich ihm schließlich eine schauerliche Wahrheit offenbart.

      Das Hörspiel Ewige Jugend, nach der gleichnamigen Erzählung des österreichischen Schriftstellers Leopold von Sacher-Masoch (1836-1895), erschienen als 117. Folge der Reihe Gruselkabinett, stellt eine weitere Variation jener Legende dar, die eine ungarische Adlige mit Namen Elisabeth Báthory als rätselhafte Blutgräfin in die Geschichte hat eingehen lassen. Schon einmal war der Báthory-Mythos Grundlage eines Hörspiels dieser Reihe: Folge 14 – Die Blutgräfin – nahm sich des Dramas „Lasst die Todten ruhn“ des deutschen Schriftstellers Ernst Raupach an, das bereits knapp sechzig Jahre vor Ewige Jugend veröffentlicht worden war und von Sacher-Masoch möglicherweise als Inspiration gedient haben mag.


      Man könnte also meinen, mit dem Rückgriff auf ein Sujet, das reihenintern bereits bearbeitet worden ist, hätten Titania Medien nun eine Folge vorgelegt, deren Handlung zumindest in groben Zügen bekannt und die zu kaufen und zu hören darum mit hoher Wahrscheinlichkeit verzichtbar sei. Doch dies ist mitnichten der Fall. Abgesehen von der Tatsache, dass sich die Blutbaronin dem Báthory-Mythos in einer ganz anderen Weise nähert als Ewige Jugend, ist es auch im Ganzen durch Dramaturgie und Plotausgestaltung die weitaus bessere Folge. Hinzu kommt, dass es bei dieser Folge weniger um die Frage geht, was geschieht, als vielmehr darum, wie es geschieht. Und was dies betrifft, wartet Ewige Jugend mit einigen sehr einprägsamen und mitreißenden Szenen auf.


      Der Handlungsbogen ist straff und ohne viel schmückendes, aber letztlich unwichtiges Beiwerk gespannt, einzig die Einführung von Koloman und Isabella in die Handlung erfolgt als eine Art Unterbrechung der Haupthandlung, doch geschieht dies so reduziert und auf den Punkt gebracht, dass es die Geschichte nicht behindert, sondern, im Gegenteil, bereichert.


      Natürlich ahnt man früh, was es mit der seltsamen Gräfin auf sich hat, selbst als Nichtkenner der Bárthory-Legende, und dennoch schafft es die Geschichte, einen in ihren Bann zu ziehen, so dass man mit echtem Bangen verfolgt, wie sich die handelnden Personen verzweifelt gegen das ihnen vorbestimmte Schicksal stemmen.


      Mir ist die Erzählung, die Vorlage war für dieses Hörspiel, nicht bekannt, doch wie Marc Gruppe uns in und durch die Handlung dieser unheimlichen Geschichte führt, zeugt von einer Meisterschaft, die man über die letzten zwanzig, dreißig, vierzig Folgen dieser Reihe schon viel zu oft verloren geglaubt hat. Waren zuletzt die meisten Folgen des Gruselkabinetts hoffnungslos überladen mit langen Aneinanderreihungen endloser Monologe oder zäher Zwiegespräche, innerhalb derer die Handlung von den Sprechern auf einschläfernde Weise und gespickt mit zu Floskeln verkommenen Wendungen einfach nur dröge nacherzählt wurde, findet sich in der hier vorliegenden Folge nicht eine Szene, von der man behaupten könnte, sie wäre zu lang, zu öde oder sogar überflüssig. Auch von den zuletzt übermächtigen Erzählereinsätzen, unter denen jedes szenische Motiv und mit ihr alle Lebendigkeit, zu der ein Hörspiel fähig ist, gnadenlos erstickt wurden, findet sich hier nicht eine Spur.

      Fast ist es so, als hätten die Herren Gruppe und Bosenius ihr Gesamtwerk noch einmal reflektiert und sich auf die Glanzlichter ihres Schaffens zurückbesonnen, denn Ewige Jugend fügt sich, was Dramaturgie und Skript angeht, durchaus nicht in die sehr schwache Phase des Gruselkabinetts seit ca. Folge 80-90 ein, sondern steht in direkter Tradition zu den Meisterwerken der Reihe, die mit Episoden wie etwa Die Familie des Vampirs, Der Freischütz oder auch Der Glöckner von Notre-Dame etc. vorgelegt wurden. War man zuletzt völlig von dem alten erzählerischen Grundsatz Show, don’t tell abgekommen, präsentiert man die Geschichte nun in der aktuellen Folge als eine wohlkomponierte Melange aus pointiert gestalteten Erzählereinsätzen und einer wendungsreichen Spielhandlung, die von vielen Orts- und Szenenwechseln sowie zahlreichen ebenso knackigen wie mitreißenden Dialogen lebt.


      Marc Gruppe verzichtet dieses Mal fast vollständig darauf, die Handlung oder Teile davon erst mühsam über lange Dialoge zu kreieren, ehe er es wagt, zaghafte Ausflüge in eine Spielszene zu unternehmen. Als Hörer wird einem die Geschichte sehr lebendig an der Seite des jungen Emmerich Kemen nahe gebracht, mit dem gemeinsam wir die markanten Punkte der Handlung abschreiten, unterbrochen von nur kurzen Einschüben des Erzählers, der für die Geschichte oder die Atmosphäre wichtige Ergänzungen einfügt. Die Dialoge erscheinen der Zeit, in der die Erzählung angesiedelt ist, dem frühen 17. Jahrhundert, mehr als angemessen, und Marc Gruppe zeigt sich dabei dieses Mal kreativ, aber doch maßvoll, wenn er auf die zuletzt üblich gewordenen floskelhaften Smalltalks und sonstige Redundanzen völlig verzichtet, um die Handlung straff und zielgenau zu ihrem Höhepunkt voranzutreiben.


      Die Regie folgt lückenlos der Souveränität des Skriptes. Szenenkomposition, Klangkulisse und der Einsatz der Musik lassen einen geradezu ins Schwärmen geraten. Wie Gruppe und Bosenius in mehreren Klangschichten die Hintergrundatmosphäre ihrer starken Spielszenen erschaffen, wie sie in der Tiefe des Raumes Ungeheuerliches geschehen lassen, während man im Vordergrund das entsetzte Aufatmen des Beobachters hören kann, und dies alles zugleich mit mal sanften, mal eindringlichen Musikstücken unterlegen – das sucht doch seinesgleichen auf dem kommerziellen Hörspielmarkt und zeigt noch einmal auf eine sehr eindringliche Weise, warum das Gruselkabinett völlig zu Recht eine der erfolgreichsten Hörspielreihen am Markt ist.


      Die Sprecher stehen der außergewöhnlich hohen Qualität von Skript und Regie in nichts nach, und es ist doch immer wieder erstaunlich, mit welchem Geschick die Herren Gruppe und Bosenius gesegnet sind, wenn es darum geht, die handelnden Personen bis in die kleinste Rolle mit Hochkarätern zu besetzen und dabei immer wieder auch interessante neue und unverbrauchte Stimmen in ihren Cast einzubinden. Natürlich sticht mit der Stimme Patrick Baehrs als Emmerich Kemen sofort die eines noch jungen und noch nicht vielfach gehörten Sprechers heraus. Seine Interpretation des gleichermaßen gebannten wie abgeschreckten Verehrers der Gräfin Nádasdy trägt einen Großteil der Handlung und lässt uns teilhaben an den Nöten eines jungen Mannes, der sich heillos verstrickt in seinem düsteren Begehren und hierin eine deutliche Verwandtschaft zeigt zu tragischen Gestalten wie dem Amtsschreiber Wilhelm aus dem Freischütz oder dem unglücklichen Thibaut aus dem Werwolf.


      Aber auch die übrigen Mitglieder des Ensembles überzeugen. Stellvertretend seien Marianne Mosa als Amme genannt, Axel Lutter als Ipolka und der in kommerziellen Hörspielen noch völlig unverbrauchte, aber einprägsam agierende Sascha von Zambelly als Koloman von Perusies. Ein Wiederhören als tugendhafte Gisela gibt es obendrein mit der hinreißenden Kristine Walther, die uns zuvor schon in der Rolle der La Esmeralda im Glöckner von Notre-Dame zu erfreuen wusste.


      Peter Weis als vorzüglicher Erzähler verdient es, gesondert Erwähnung zu finden.


      Ganz besonders hervorgehoben werden muss jedoch die Frau, die diese eindrucksvolle Sprecherriege mit ihrer Darstellung noch einmal in besonderer Weise hebt: die wunderbare Arianne Borbach, die in dieser Gruselkabinett-Folge endlich einmal wieder in einer Weise besetzt wurde, wie es einer Sprecherin ihres Ranges gebührt: als Hauptrolle. War sie in der ersten Folge, die sich mit der Báthory-Legende befasste, noch als geschundener Widerpart der Gräfin besetzt, so darf sie in Ewige Jugend nun selbst in die Rolle der grausamen Elisabeth Nádasdy schlüpfen – und zeigt auf beeindruckende Weise, wie geschaffen sie dafür ist, die vielen Facetten des manipulativen Spiels der Gräfin mit dem jungen Emmerich darzustellen. Mühelos gleitet ihr Spiel vom Erhabenen ins Grausame, von Momenten der Zärtlichkeit zu jenen der absoluten Bosheit, und schafft es doch immer wieder, zurückzufinden zu einer Sanftheit, die dem jungen Emmerich Schönheit verheißt – Lockung, der er nicht widerstehen kann, und lustvolles Verderben, dem er sich nicht zu entziehen vermag.


      Mit ihrer Darbietung empfiehlt sich Arianne Borbach auch zukünftig für mannigfaltige Auftritte in aktuellen Serien und Reihen, nicht nur im Gruselkabinett. Und zwar nicht als supporting role, wie in letzter Zeit leider üblich geworden, sondern ganz klar als Protagonistin.
      >> Kritik ist Liebe. <<
    • Fortsetzung

      Zuletzt ein Wort zum Cover. Es zeigt die Gräfin Nádasdy bei ihrem Bad, und man muss leider gestehen, dass Ertugrul Edirne ausgerechnet bei der besten Gruselkabinett-Folge der letzten Jahre sein Glück leider ein Stückweit verlassen hat. Konnte er mit dem Cover zu Der Kapitän der Pole Star noch auf ganzer Linie überzeugen und weckt er schon jetzt größtes Interesse an kommenden Folgen wie 20.000 Meilen unter dem Meer oder, ein echtes Highlight von Edirne, Die Insel des Dr. Moreau, so kommt das Cover zu Ewige Jugend doch sehr schwach daher. Das Bad, aus dem Gesicht und Hände blicken, ist nicht besonders gut gelungen. Es kommt weder furchterregend noch in irgendeiner Weise verstörend rüber, was es doch müsste angesichts der Tatsache, was es darstellen soll. Eher wirkt es wie Stoff, ein Gewand, ein Vorhang. Auch die Bildkomposition mit dem breiten Oval, an dessen oberen Ende der Kopf angeschnitten ist, während über die untere Hand der Schriftzug geht, macht einen ungünstigen Eindruck. Weder findet die grausame Schönheit der Gräfin Ausdruck, noch weckt das Bild sonderlich große Erwartungen an die Handlung des Hörspiels. Ich könnte mir sogar vorstellen, dass dieses Cover den einen oder anderen potentiellen Hörer davon abhalten wird, sich das Hörspiel zu kaufen – und er stattdessen einer anderen Folge den Vorzug geben könnte. Was sehr bedauerlich wäre.

      Alles in allem darf Ewige Jugend als Meilenstein innerhalb der Reihe Gruselkabinett angesehen werden, ist es doch die erste Folge seit mindestens zwanzig, dreißig, vielleicht sogar vierzig Folgen, die auf ganzer Linie zu überzeugen weiß. Keine Längen, keine Redundanzen, kein endloses Gerede ohne jeden Witz – nein, ein Hörspiel, gespickt mit wohldosierten Erzählereinsätzen, knackigen Dialogen und spannenden Spielszenen - dies alles meisterlich komponiert und in Szene gesetzt und gewürzt mit exzellenten Sprecherleistungen, von denen die Arianne Borbachs ganz besonders hervorzuheben ist.

      Ich hoffe mit aller Inbrunst, dass diese großartige Folge ein Zeichen dafür ist, dass es ein Umdenken im Hause Titania Medien gegeben hat und die lange Phase der auf ganzer Linie enttäuschenden Hörspiele mit diesem prachtvollen Werk endlich ein Ende gefunden hat. Gerade im Hinblick auf die nächsten Folgen würde ich mir das sehr wünschen, denn dann ständen uns mit den Verne- und Wells-Vertonungen echte Meisterwerke ins Haus.

      Das Hörspiel Ewige Jugend zeigt endlich, endlich mal wieder das Gruselkabinett in absoluter Bestform!

      :st: :st: :st: :st: :st:
      >> Kritik ist Liebe. <<

      Dieser Beitrag wurde bereits 5 mal editiert, zuletzt von Hardenberg ()

    • Auch Dir vielen Dank für diese sehr ausfürhrliche und klar gegliederte Rezension.
      Obwohl ich ja eigentlich vorher der Meinung war, es sei für mich längst genug mit der "Blutgräfinnen"-Thematik ;) , fühle ich mich geradezu verpflichtet, nach zwei so derart begeisterten Schilderungen, diese Folge ebenfalls anzuhören. :zustimm:

      Hardenberg schrieb:

      Das Bad, aus dem Gesicht und Hände blicken, ist nicht besonders gut gelungen. Es kommt weder furchterregend noch in irgendeiner Weise verstörend rüber, was es doch müsste angesichts der Tatsache, was es darstellen soll. Eher wirkt es wie Stoff, ein Gewand, ein Vorhang.
      Stimmt, ähnliches dachte ich auch beim ersten Blick auf das Cover. Für mich war das extrem prominent hervorgehobene "Rot" irgendeine Art von Stoff, aus dem sich die Frauenfigur hervormaterialisierte. =)
      Und ja, mit deren betörender Schönheit ist es nicht allzu weit her :pfeifen: , aber wir sehen da halt das Bild, bevor sie ihr Gesicht auch noch ins Blut getaucht hatte.
      Wahrscheinlich war sie danach dann total unwiderstehlich. ^^
    • "Ein Weib ist nicht älter als es aussieht." :thumbsup:

      Habe das Hörspiel nun auch durch und kann mich den beiden Rezensenten hier nur anschließen.
      Das latente Gefühl von Beklemmung und Grausen, das sich bis zum wirklich schaurigen, blutigen Höhepunkt steigert, wird durch keinerlei Längen unterbrochen.
      Man hat mehrfach das Gefühl, den armen liebesblinden Emmerich mal an den Schultern nehmen und wachrütteln zu müssen, aber so kann man nur machtlos miterleben, was geschieht.
      Dabei sollte der Hörer nicht zu zimperlich sein, sonst hat er an einigen Taten der Gräfin :schreck: emotional zu knabbern. ;)
      Aber immerhin sind wir hier beim "Gruselkabinett".
      Der Sprachstil wurde, wenn überhaupt, nur leicht modernisiert, besonders gefallen hat mir ja der "Bann der jungfräulichen Bangigkeit". :hihi:
      Die Cast ist absolut perfekt gewählt, die Stimmung ebenfalls sehr gelungen, der Sound und die Musikstücke so ausgefeilt wie üblich bei Titania.
      Hätte nicht gedacht, dass mir eine weitere "Blutgräfin" :pinch: nochmal so gut gefallen würde.
    • Ich habe heute das Hörspiel gehört. Eine für mich gute Folge, die sicherlich passend für das Genre Schauer-Romantik ist. Trotzdem birgt es für mich zu wenig Grusel, zu wenige unheimliche Stellen als dass ich es als sehr gut empfunden würde. Es ist eher eine romantische Version von Foltergeschichten ala SAW und Konsorten, als eine gruselige Geschichte in für mich klassischer Manier. Trotzdem kann das Hörspiel mich durchaus unterhalten, weil man mit dem Helden mitleidet und ihn langsam aber sicher in den Untergang „lieben“ hört. Marianne Mosa war fast nicht mehr wieder zu erkennen. Sie war für mich TSB-Fan natürlich der Sprecher-Höhepunkt. Schön auch, dass ich mich hier in heimatlichen Gefilden befinden konnte und zumindest am Anfang am Wiener Graben wandeln und ich mich kurz akustisch in der Stephanskirche befinden konnte.

      Gut, aber für mich weit weg von den besten Folgen.
      Baba :winke4: