Da tritt um 15:15 Uhr ein Gast aus Moskau an das Rednerpult des Deutschen Bundestages; für seinen ersten Staatsbesuch hat der Präsident der Russischen Föderation Wladimir Putin Berlin gewählt. Er bringt: Hoffnung, ein bisschen Zuversicht. Denn er verspricht eine neue Zeit, die geprägt sein soll von Frieden und Kooperation: »Der stabile Frieden auf dem Kontinent ist das Hauptziel«, sagt er. Und: »Russland ist ein freundlich gesinntes europäisches Land.«
Aber es ist nicht nur, was dieser Mann an diesem Nachmittag sagt. Wichtig ist auch, wie er es sagt. »Heute erlaube ich mir die Kühnheit, einen großen Teil meiner Ansprache in der Sprache von Goethe, Schiller und Kant, in der deutschen Sprache, zu halten«, sagt der russische Präsident und wechselt ins Deutsche. Leise spricht er, zurückhaltend, höflich, das verstärkt die Botschaft.
Im Parlament laufen die Abgeordneten an jedem Sitzungstag an jenen von einer deutsch-russischen Kommission ausgewählten und sorgsam konservierten Inschriften vorbei, die Soldaten der Roten Armee im Siegesmonat Mai 1945 in Hitlers Reichstag hinterlassen hatten, Graffiti ihrer Zeit, mit einem verkohlten Stück Holz oder farbiger Fettkreide gekritzelt. Die Namen ihrer Heimatstädte, auch in der Ukraine, Freude über den Triumph des Sieges. Die Wände und Säulen mit kyrillischen Botschaften stehen als mahnende Erinnerung an den Vernichtungskrieg der Deutschen gegen die Völker der Sowjetunion. Mitten im deutschen Parlament. »Na Berlin!«, hieß es in den letzten Kriegsmonaten, nach Berlin!
Im Kriegsjahr 2025 kursieren ähnliche Propagandabotschaften in russischen Städten, Schüler malen sie auf Plakate, manche kleben sie als Sticker auf ihr Auto: »Moschem powtorit!« – Wir können es wiederholen! Gemeint ist: Wir werden siegen. Koste es, was es wolle. Wir werden Euch besiegen.