Adlergestell
Die Mauer ist gefallen, die DDR existiert nicht mehr, und am Berliner Stadtrand wachsen Chaline, Lenka und die namenlose Ich-Erzählerin in einer Zeit auf, in der plötzlich alles anders sein soll. Vor ihrer Nase liegt das sechsspurige Adlergestell, während Center Shock, Kaugummiautomaten und ein abgerissener Mercedesstern zu ihrem Alltag gehören. Angeblich leben die Mädchen nun in Freiheit, doch was dieses große Wort tatsächlich bedeutet, müssen sie erst herausfinden. Ihre Mütter versuchen, in den Verwerfungen der Nachwendejahre selbst Orientierung zu finden, während die Erfahrungen der Großmütter noch weiter zurückreichen. Vergangenheit und Gegenwart greifen ineinander, persönliche Erinnerungen treffen auf deutsche Geschichte und die drei Freundinnen versuchen, innerhalb all dieser Veränderungen ihren eigenen Platz zu behaupten. Je älter sie werden, desto deutlicher zeigt sich, dass mit dem Verschwinden der alten Grenzen keineswegs sämtliche anderen Grenzen aufgehoben sind. Freundschaft, Herkunft, Anpassung, Fremdsein und Verrat werden zu Erfahrungen einer Jugend, die ohnehin schon kompliziert genug wäre – und nun ausgerechnet in eine Zeit fällt, in der auch die Erwachsenen nicht recht zu wissen scheinen, wie die neue Wirklichkeit eigentlich funktionieren soll.
Laura Laabs wählt für diese Nachwendeerzählung eine Perspektive, die mir ausgesprochen gut gefällt. Die Wiedervereinigung erscheint nicht als Abfolge politischer Daten und Entscheidungen, sondern als etwas, das mitten in den Alltag hineinplatzt. Für Kinder und Jugendliche sind historische Umwälzungen schließlich zunächst keine Kapitel in einem Geschichtsbuch. Sie verändern Familien, Sprache, Möglichkeiten, Erwartungen und die Art, wie andere Menschen einen betrachten. Genau davon handelt „Adlergestell“. Die versprochene Freiheit ist vorhanden und zugleich komplizierter, als dieses Wort vermuten lässt. Auch die verschiedenen Frauengenerationen sind wichtig, weil jede ihre eigenen Erfahrungen mitbringt und deshalb etwas anderes unter Veränderung versteht. Laabs romantisiert dabei weder das Vergangene noch behandelt sie das Neue als automatische Erlösung. Viel spannender ist jener unsichere Zwischenraum, in dem die bisherigen Gewissheiten verschwunden sind, während sich neue noch gar nicht richtig gebildet haben. Und mittendrin stehen drei Mädchen, die wenig Lust darauf haben, geduldig darauf zu warten, bis ihnen jemand erklärt, welchen Platz sie künftig einnehmen sollen. Diese Widerborstigkeit verhindert wirkungsvoll, dass aus dem Stoff eine schwermütige Geschichtsstunde wird.
Erzählerisch nimmt sich „Adlergestell“ einige Freiheiten und verlangt deshalb durchaus Konzentration. Erinnerungen, unterschiedliche Lebensalter, historische Ebenen und verschiedene Biografien werden nicht wie auf einer Zeitleiste ordentlich nacheinander abgearbeitet. Das Hörspiel springt, verbindet und überlagert, wodurch zunächst manches fragmentarisch erscheinen kann. Je länger ich zugehört habe, desto passender fand ich allerdings genau diese Form. Erinnerung funktioniert schließlich ebenfalls nicht chronologisch und vollständig, sondern besteht aus Bildern, Gerüchen, Geräuschen, einzelnen Sätzen und Erlebnissen, deren Bedeutung sich manchmal erst Jahre später erschließt. Nicht jeder angerissene Gedanke bekommt dabei dieselbe Ausführlichkeit, und gelegentlich hätte ich mir etwas mehr Raum gewünscht, bevor bereits die nächste Ebene hinzukommt. Dafür vermeidet die Produktion den wesentlich größeren Fehler, aus der Nachwendezeit im Rückblick eine sauber geordnete Geschichte mit eindeutigen Antworten zu machen. Besonders stark sind für mich jene Momente, in denen persönliche und gesellschaftliche Veränderungen fast unmerklich ineinandergreifen. Das Erwachsenwerden der Mädchen und die Neuorientierung eines ganzen Landes laufen parallel, ohne dass das eine lediglich als Metapher für das andere herhalten muss.
Stimmlich ist die Produktion ungewöhnlich breit aufgestellt und nutzt ihre Besetzung sehr gezielt für die verschiedenen Generationen. Yolanda Bering spricht das Ich als Kind, während Hannah Ehrlichmann die erwachsene Perspektive übernimmt; Alma Preiß ist als Chaline und Ronja Rabea Knoblich als Lenka zu hören, deren erwachsene Version Lena Kostial spricht. Gerade die jüngeren Stimmen geben dem Hörspiel jene freche und bisweilen trotzige Energie, die der Stoff unbedingt braucht. Die Mädchen wirken nicht wie Figuren, denen Erwachsene nachträglich bedeutungsschwere Sätze über die deutsche Geschichte in den Mund gelegt haben, sondern tatsächlich wie junge Menschen mit eigenen Interessen, Verletzungen und einer gehörigen Portion Eigensinn. Susanne Wolf führt als Erzählerin durch die Produktion, während Kathrin Angerer als Ornithologin und Jutta Wachowiak als Historikerin weitere Ebenen einbringen. Hinzu kommen Denise M’Baye, Hedi Kriegeskotte, Till Wonka, Leo Solter, Frank Künster, Emilio und Jennifer Bering sowie Susanne Helm. Durch diese Vielzahl entsteht weniger ein klassisches Ensemble mit wenigen dominierenden Hauptrollen als ein Stimmengeflecht, in dem unterschiedliche Lebensalter und Erfahrungen aufeinander reagieren.
Akustisch entfaltet „Adlergestell“ seine größte Eigenständigkeit. Laura Laabs hat ihren eigenen Roman nicht einfach in Dialoge und Erzählerpassagen zerlegt, sondern zusammen mit Sounddesigner und Komponist Sebastian Purfürst sowie Markus Hossack bei Montage und Mischung nach einer eigenen Hörspielform gesucht. Sprache, dokumentarisches Material, Musik und teilweise sehr plastische Geräusche gehen ineinander über. Selbst scheinbare Kleinigkeiten wie ein Center Shock im Mund oder ein schmelzender Kaugummiautomat werden zu akustischen Erinnerungsstücken. Hinzu kommen Originalaufnahmen, darunter ein O-Ton der Autorin aus dem Jahr 1989, wodurch sich persönliche Erinnerung und inszenierte Vergangenheit noch enger miteinander verschränken. Das Ganze klingt bewusst nicht wie eine glattpolierte Nostalgiekulisse der frühen Neunziger. Manche Passagen sind rau, dicht und beinahe körperlich, andere lassen wieder mehr Raum. Gerade diese Wechsel finde ich gelungen, weil sie etwas von dem unsteten Lebensgefühl transportieren, das auch die Figuren prägt. Die Vergangenheit wird hier nicht lediglich beschrieben; das Hörspiel versucht, ihren Klang, ihre Unordnung und ihre emotionalen Spuren unmittelbar erfahrbar zu machen.
Das Cover findet dafür ein überraschend direktes Bild. Im Hintergrund steht das Straßenschild „Adlergestell“, umgeben von Graffiti und urbaner Unordnung, während ein Mädchen aus starker Untersicht die gesamte Vorderseite beherrscht. Rückwärts getragene Kappe, verschränkte Arme und der überdimensionierte Mercedesstern an der Kette ergeben eine demonstrativ selbstbewusste Pose. Das Motiv wirkt dadurch weniger wie eine historische Rückschau als wie eine Momentaufnahme jugendlicher Selbstbehauptung. Gerade der Mercedesstern funktioniert als starkes Symbol, weil er im Hörspiel zu jener Nachwendejugend gehört, die sich ihre Zeichen und Statussymbole selbst aneignet. Mir gefällt auch, dass Berlin hier nicht über die üblichen Sehenswürdigkeiten verkauft wird. Kein Brandenburger Tor und keine Mauerreste müssen erklären, wo und wann die Geschichte spielt. Das Straßenschild genügt. Zusammen mit den Graffiti und der fast herausfordernden Körperhaltung des Mädchens vermittelt das Bild ziemlich genau jene Mischung aus Straße, Jugend, Aufbruch und Trotz, die auch das Hörspiel prägt.
„Adlergestell“ ist für mich eine bemerkenswert eigenwillige Hörspielbearbeitung, die gerade deshalb funktioniert, weil Laura Laabs als Autorin, Bearbeiterin und Regisseurin nicht versucht, ihren Roman möglichst vollständig in das andere Medium hinüberzuretten. Stattdessen nutzt sie die Möglichkeiten des Hörspiels und macht aus Stimmen, Erinnerungen, O-Tönen, Musik und Geräuschen etwas Eigenständiges. Die verschachtelte Erzählweise verlangt Aufmerksamkeit und nicht jede Passage erschließt sich sofort, doch eine konventionellere Umsetzung hätte diesem Stoff wahrscheinlich einen großen Teil seiner Persönlichkeit genommen. Am stärksten bleiben bei mir die drei Mädchen und ihr Blick auf eine Freiheit hängen, von der überall gesprochen wird, die sich im eigenen Leben aber erst einmal bewähren muss. Dazu kommt die Verbindung mehrerer Generationen, durch die deutlich wird, dass Geschichte niemals einfach mit einem bestimmten Datum endet. Das Ergebnis ist weder nostalgischer Rückblick noch ordentlich sortierte Nachwendechronik, sondern ein raues, sinnliches und manchmal sperriges Hörspiel über das Erwachsenwerden in einer Gesellschaft, die selbst gerade versucht herauszufinden, was sie künftig sein möchte.