Joe Hill - King Sorrow II (Buchkritik)

  • Joe Hill - King Sorrow II

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    Nach dem gewaltigen ersten Teil setzt King Sorrow II praktisch ohne Verschnaufpause dort an, wo die Geschichte aufgehört hat. Arthur Oakes und seine Freunde sind inzwischen längst keine sorglosen Studenten mehr. Jahre sind vergangen, Lebenswege haben sich verändert, Beziehungen sind entstanden und zerbrochen – nur eines ist geblieben: King Sorrow. Der Drache fordert weiterhin seinen Preis, und aus dem einst verzweifelten Versuch, ein Problem zu lösen, ist endgültig ein Fluch geworden, der ihr gesamtes Leben bestimmt.

    Gerade diese Entwicklung finde ich enorm spannend. Im ersten Band konnte man die Entscheidung der Freunde zumindest noch aus ihrer damaligen Situation heraus nachvollziehen. Sie hatten Angst, standen unter Druck und glaubten, mit der Beschwörung eine Lösung gefunden zu haben. Inzwischen gibt es diese Ausrede nicht mehr. Sie wissen genau, womit sie es zu tun haben. Jahr für Jahr müssen sie entscheiden, welchen Preis sie bereit sind zu zahlen – und irgendwann lässt sich diese Verantwortung eben nicht mehr verdrängen.

    King Sorrow selbst wird dabei immer unberechenbarer. Der Drache begnügt sich längst nicht mehr damit, einfach nur das zu nehmen, was ihm angeboten wird. Seine Gier wächst, die Zahl der Opfer steigt und damit verändert sich auch die moralische Ausgangslage. Arthur erkennt zunehmend, dass es keine dauerhafte Lösung sein kann, den Pakt einfach weiterzuführen. Der Drache muss verschwinden.

    Nur ist das leichter gesagt als getan.

    Besonders gut gefällt mir, dass Joe Hill den Konflikt diesmal noch stärker auf die Figuren verlagert. King Sorrow bleibt selbstverständlich die gewaltige Bedrohung im Hintergrund, aber mindestens genauso gefährlich werden Misstrauen, unterschiedliche Interessen und alte Verletzungen innerhalb der Gruppe. Nicht alle verfolgen dieselben Ziele, und irgendwann stellt sich die Frage, ob der eigentliche Gegner tatsächlich immer der Drache ist.

    Genau dadurch bekommt dieser zweite Teil für mich noch einmal eine andere Dynamik. Die Freunde, die einst gemeinsam das Ritual durchgeführt haben, sind inzwischen Erwachsene mit völlig unterschiedlichen Lebenswegen. Manche versuchen, mit ihrer Schuld zu leben, andere verdrängen sie und wieder andere haben längst begonnen, ihre ganz eigenen Konsequenzen daraus zu ziehen. Diese Entwicklung macht die Figuren für mich wesentlich interessanter als eine klassische Gruppe von Horrorprotagonisten, die einfach gemeinsam gegen ein Monster kämpft.

    Auch Arthur steht inzwischen an einem völlig anderen Punkt seines Lebens. Aus dem Studenten ist ein Professor für Englische Literatur geworden, aber der Pakt verfolgt ihn weiterhin. Gerade dieser Gegensatz gefällt mir: Nach außen existiert ein scheinbar normales Erwachsenenleben, während im Hintergrund jedes Jahr dieselbe monströse Verpflichtung wartet. Man kann Karriere machen, Beziehungen führen und versuchen weiterzuleben – aber irgendwann kommt der Drache zurück.

    Joe Hill erweitert die Geschichte außerdem deutlich über den ursprünglichen Kreis der Freunde hinaus. Die Existenz King Sorrows bleibt nicht völlig unbemerkt und weckt Begehrlichkeiten. Besonders interessant fand ich den Gedanken, dass eine solche übernatürliche Macht irgendwann nicht mehr ausschließlich als Gefahr betrachtet wird. Wo Macht existiert, gibt es schließlich immer Menschen, die sie kontrollieren, untersuchen oder für ihre eigenen Zwecke einsetzen wollen.

    Dadurch entwickelt sich King Sorrow II teilweise weg vom klassischen Horrorroman und stärker in Richtung düsterer Fantasy-Thriller. Es geht plötzlich nicht mehr nur darum, einen Drachen loszuwerden, sondern auch darum, was geschieht, wenn Menschen glauben, eine solche Kreatur beherrschen zu können. Und natürlich kann man sich ungefähr vorstellen, wie hervorragend dieser Plan funktioniert.

    Einige Passagen benötigen allerdings etwas Geduld. Gerade im mittleren Teil nimmt sich Hill erneut sehr viel Zeit für Nebenhandlungen, Experimente und Entwicklungen, die nicht unmittelbar auf das Finale zulaufen. Das hat mich etwas weniger gepackt als die stärksten Abschnitte des Romans. Gleichzeitig gehört diese Ausführlichkeit aber auch zum Konzept der gesamten Geschichte. King Sorrow ist eben kein schneller Monsterroman, sondern ein richtig großes Horror-Epos.

    Dafür zieht die Handlung im letzten Drittel noch einmal gewaltig an. Hier zahlt sich vieles aus, was über beide Bände hinweg vorbereitet wurde. Entscheidungen aus der Vergangenheit bekommen Konsequenzen, Beziehungen verändern sich endgültig und einige Entwicklungen haben mich tatsächlich überrascht. Joe Hill geht dabei keineswegs zimperlich mit seinen Figuren um. Nur weil man jemanden über mehr als tausend Seiten begleitet hat, bedeutet das noch lange nicht, dass dieser Mensch auch sicher bis zum Ende kommt.

    Gerade deshalb funktionieren einige Momente so gut. Hill hat sich enorm viel Zeit genommen, seine Figuren aufzubauen. Wenn ihnen dann etwas geschieht, ist das eben nicht irgendein namenloses Opfer eines Drachen. Man hat ihre Beziehungen, Fehler, Hoffnungen und Ängste kennengelernt. Entsprechend härter treffen manche Entwicklungen.

    Sehr gelungen finde ich außerdem, wie der Roman fantastische Elemente mit unserer realen Welt verbindet. Mythologie, gesellschaftliche Entwicklungen und tatsächliche Ereignisse werden immer wieder in die Geschichte integriert. Dadurch entsteht teilweise das merkwürdige Gefühl, dass King Sorrow tatsächlich irgendwo zwischen unserer bekannten Wirklichkeit existieren könnte.

    Auch die mythologischen Elemente werden im zweiten Teil noch einmal erweitert. Drachen, Trolle und Motive aus alten britischen Legenden verbinden sich mit modernen Themen. Gerade diese Mischung hat für mich einen besonderen Reiz. Hill übernimmt solche Vorstellungen nicht einfach, sondern spielt damit und übersetzt sie in eine moderne Welt.

    Im Kern bleibt King Sorrow für mich aber vor allem eine Geschichte über Verantwortung. Was passiert, wenn eine Entscheidung, die man mit Anfang zwanzig getroffen hat, das gesamte weitere Leben bestimmt? Wie weit darf man gehen, um sich selbst oder seine Freunde zu schützen? Kann man das Leben eines Menschen gegen das Leben mehrerer anderer aufrechnen? Und wann wird aus einer vermeintlichen Notwendigkeit einfach nur noch Bequemlichkeit?

    Solche Fragen machen die Geschichte wesentlich interessanter als die reine Jagd auf einen Drachen. Man ertappt sich beim Lesen durchaus dabei, einzelne Entscheidungen zunächst nachvollziehen zu können und wenige Seiten später wieder völlig anders darüber zu denken. Genau das gefällt mir.

    Das Cover bildet übrigens einen schönen Gegenpol zum ersten Band. Während dort Rot, Orange und Feuer dominierten, setzt der zweite Teil auf Grün- und Blautöne. Zusammen ergeben beide Ausgaben optisch ein sehr schönes Paar. Gleichzeitig bleibt die Gestaltung abstrakt genug, um King Sorrow nicht einfach plakativ als Fantasy-Drachen auf das Cover zu setzen.

    Dass der deutsche Verlag den amerikanischen Originalroman auf zwei Bücher aufgeteilt hat, kann man sicher diskutieren. Zusammengenommen kommt die Geschichte auf einen enormen Umfang. Nach der Lektüre beider Teile muss ich aber sagen, dass mir die Unterbrechung nicht einmal besonders geschadet hat. Dieses Monster von Geschichte bietet so viele Figuren, Zeitsprünge und Entwicklungen, dass eine kurze Pause durchaus willkommen sein kann.

    Unterm Strich liefert Joe Hill mit King Sorrow II einen starken Abschluss dieses gewaltigen Horror-Epos. Nicht jeder Abschnitt hat mich gleichermaßen gefesselt und gerade in der Mitte hätte die Geschichte für mich etwas straffer sein dürfen. Dafür entschädigt das letzte Drittel mit großen Entwicklungen, überraschenden Wendungen und einem Finale, das die lange Reise tatsächlich zu einem befriedigenden Ende führt.

    Besonders stark bleibt für mich die Entwicklung der Figuren. Aus einer Gruppe junger Menschen, die einmal glaubte, ein übernatürliches Problem für die eigenen Zwecke nutzen zu können, werden Erwachsene, die mit den Konsequenzen dieser Entscheidung leben müssen. King Sorrow ist dabei nicht nur ein Drache, sondern immer stärker auch das Sinnbild für Gier, Schuld, Macht und jene Dinge, von denen man glaubt, sie kontrollieren zu können – bis sie irgendwann einen selbst kontrollieren.

    Nach beiden Bänden bleibt deshalb vor allem das Gefühl, tatsächlich eine große Geschichte erlebt zu haben. Über tausend Seiten Freundschaft, Schuld, Verrat, Horror, Mythologie und natürlich ein verdammt hungriger Drache.

    Nicht vollkommen ohne Längen, aber insgesamt ein beeindruckendes, düsteres und ungewöhnliches Horror-Epos, das mir lange im Gedächtnis bleiben dürfte

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