Joe Hill - King Sorrow I (Buchkritik)

  • Joe Hill - King Sorrow I

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    Joe Hill erzählt in King Sorrow eine Geschichte, die auf den ersten Blick nach einem klassischen Pakt mit einer übernatürlichen Macht klingt. Doch statt Teufel, Dämon oder irgendeiner namenlosen Wesenheit wartet hier ein Drache – und gerade diese zunächst fast fantastisch wirkende Idee entwickelt sich zu einem ausgesprochen düsteren Horrorstoff. Was als verzweifelter Ausweg aus einer gefährlichen Situation beginnt, verfolgt eine Gruppe junger Menschen schließlich über Jahre hinweg.

    Im Mittelpunkt steht Arthur Oakes, Student am renommierten Rackham College in Maine. Arthur arbeitet in der Universitätsbibliothek und hat dort Zugang zu wertvollen Büchern und seltenen Ausgaben. Genau das wird ihm zum Verhängnis, als er ins Visier zweier Krimineller gerät. Sie setzen ihn unter Druck und wollen ihn dazu zwingen, seine Stellung auszunutzen und wertvolle Bücher zu stehlen.

    Arthur vertraut sich schließlich seinen Freunden an. Gemeinsam suchen sie nach einem Ausweg und stoßen dabei auf einen alten okkulten Text, der ein Ritual beschreibt, mit dem sich angeblich ein Drache beschwören lässt. Was macht man also in einer rauschhaften Silvesternacht mit solchem Wissen? Natürlich probiert man es aus. Dass dies möglicherweise keine besonders gute Idee ist, dürfte jedem Horrorfan bereits vorher klar sein.

    Nur funktioniert das Ritual tatsächlich.

    King Sorrow erscheint, und damit ist das Problem der Freunde zunächst sogar gelöst. Allerdings hat der Drache selbstverständlich seinen Preis. Die Gruppe soll ihm jedes Jahr ein menschliches Opfer liefern. Aus einer vermeintlichen Rettung wird damit ein Pakt, der ihr gesamtes weiteres Leben bestimmt.

    Gerade diese Ausgangslage hat mir ausgesprochen gut gefallen. Es muss eben nicht immer ein Pakt mit dem Teufel sein. Joe Hill nimmt ein Motiv, das im Horror eigentlich uralt ist, verändert einige entscheidende Zutaten und macht daraus etwas Eigenständiges. Besonders die Kombination aus Collegegeschichte, Dark Fantasy, Coming-of-Age und Horror funktioniert erstaunlich gut.

    Dabei ist King Sorrow weit mehr als einfach nur ein großes feuerspeiendes Monster, das gelegentlich auftaucht und Menschen frisst. Der Drache besitzt Persönlichkeit. Er wirkt intelligent, grausam und auf eine sehr eigene Art beinahe charismatisch. Gerade deshalb ist er so interessant. Man weiß, welche Gefahr von ihm ausgeht, und trotzdem hat die Figur eine Faszination, der man sich nur schwer entziehen kann.

    Sehr gut gefällt mir auch, wie Hill mit den unterschiedlichen Figuren arbeitet. Die Gruppe besteht nicht einfach aus austauschbaren Opfern, die nur darauf warten, der Reihe nach dezimiert zu werden. Die Charaktere unterscheiden sich deutlich voneinander, besitzen eigene Probleme und entwickeln sich im Verlauf der Geschichte weiter. Gerade weil man viel Zeit mit ihnen verbringt, funktionieren die späteren Konsequenzen des Paktes umso besser.

    Denn das eigentlich Spannende beginnt für mich dort, wo aus der zunächst fast abenteuerlichen Beschwörung eine dauerhafte Verpflichtung wird. Ein Opfer mag sich in einer extremen Situation vielleicht noch irgendwie rechtfertigen lassen. Aber was passiert im nächsten Jahr? Und im Jahr danach? Wie lange kann man sich selbst einreden, dass es keine Alternative gibt?

    Genau daraus zieht der Roman einen großen Teil seines Horrors. King Sorrow tyrannisiert die Gruppe nicht nur durch seine unmittelbare körperliche Bedrohung. Viel schlimmer ist die Gewissheit, dass er wiederkommen wird. Die Freunde müssen mit ihren Entscheidungen weiterleben und irgendwann feststellen, dass der vermeintliche Ausweg sie lediglich in eine wesentlich größere Falle geführt hat.

    Hill lässt sich dabei viel Zeit. Wer einen Horrorroman erwartet, in dem alle paar Seiten etwas explodiert oder der Drache über den nächsten Menschen herfällt, dürfte überrascht sein. Der Roman interessiert sich mindestens genauso stark für seine Figuren, ihre Beziehungen und die Veränderungen, die sie durchmachen. Das sorgt gelegentlich dafür, dass das Tempo etwas zurückgeht, macht die Geschichte für mich aber gleichzeitig wesentlich wirkungsvoller.

    Besonders gelungen finde ich die Mischung aus fantastischem Horror und sehr menschlichen Problemen. Freundschaften verändern sich, Lebenswege entwickeln sich auseinander und Entscheidungen aus der Jugend bekommen Jahre später plötzlich ein ganz anderes Gewicht. Über allem hängt jedoch immer King Sorrow. Dadurch entsteht eine permanente Bedrohung, selbst wenn der Drache gerade überhaupt nicht unmittelbar präsent ist.

    Auch die härteren Momente funktionieren. Hill scheut sich nicht davor, seine Figuren leiden zu lassen, und wenn King Sorrow zuschlägt, kann die Geschichte ziemlich unangenehm werden. Gerade weil vorher so viel Zeit in die Charaktere investiert wurde, sind diese Szenen nicht einfach nur blutige Effekte. Man kennt die Beteiligten inzwischen und entsprechend stärker wirken die Konsequenzen.

    Überhaupt erinnert die Erzählweise stellenweise durchaus an die großen, umfangreichen Horrorromane seines Vaters Stephen King. Nicht weil Joe Hill dessen Stil einfach kopieren würde, sondern weil auch hier eine größere Gruppe von Figuren über einen längeren Zeitraum begleitet wird und das Übernatürliche eng mit ihren persönlichen Geschichten verbunden ist. Der Horror entsteht dadurch nicht ausschließlich durch das Monster, sondern ebenso durch Schuld, Angst, Freundschaft und Entscheidungen, die sich irgendwann nicht mehr rückgängig machen lassen.

    Man muss allerdings wissen, dass die deutsche Ausgabe den umfangreichen Originalroman in zwei Bände aufteilt. King Sorrow I erzählt deshalb nicht die komplette Geschichte. Wer nach diesem Band einen endgültigen Abschluss erwartet, wird zwangsläufig auf den zweiten Teil warten beziehungsweise weiterlesen müssen. Für mich funktioniert der erste Teil trotzdem sehr gut als umfangreicher Einstieg in diese Geschichte.

    Das Cover gefällt mir ebenfalls. Die Mischung aus dunklem Hintergrund, kräftigem Rot und dem fast glühenden Gelb im unteren Bereich wirkt zunächst recht abstrakt. Erst beim genaueren Hinsehen erkennt man die drachenartige Struktur hinter dem Titel. Das passt erstaunlich gut zu King Sorrow selbst: Die Bedrohung ist da, auch wenn sie nicht immer sofort vollständig sichtbar wird.

    Unterm Strich ist King Sorrow I für mich ein richtig starker Auftakt. Joe Hill nimmt das klassische Motiv eines verhängnisvollen Paktes, setzt einen Drachen an die Stelle der üblichen Höllengestalten und entwickelt daraus eine Geschichte, die wesentlich mehr bietet als reine Monsteraction. Vor allem die Figuren, ihre Entwicklung und die immer größer werdende moralische Belastung durch den Pakt haben mir gefallen.

    Ein umfangreicher Mix aus Horror, Dark Fantasy und Coming-of-Age, der sich Zeit für seine Charaktere nimmt und gerade deshalb funktioniert. King Sorrow selbst ist dabei eine herrlich unangenehme Erscheinung: bedrohlich, faszinierend und mit genügend Persönlichkeit ausgestattet, um weit mehr als nur das Monster der Geschichte zu sein.

    Und nach diesem ersten Teil steht für mich ohnehin fest: Ich will wissen, wie die Sache mit diesem verdammten Drachen endet.

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