John Sinclair 2506 – Candle Light Dinner
Nach den klassischen Horrorstoffen der vergangenen Wochen geht Candle Light Dinner wieder einen etwas anderen Weg. Im Mittelpunkt steht diesmal kein weltbedrohender Dämon und auch keine große Fortsetzung der Asmodina-Handlung, sondern ein sehr persönlicher Fall für John. Als er eine Einladung zu einem makabren Abendessen erhält, auf dessen Speisekarte angeblich das Herz von Glenda Perkins stehen soll, ist sofort klar, dass dieser Roman deutlich stärker auf Horror als auf klassischen Grusel setzt.
Der Einstieg hat mir gut gefallen. Die Einladung wirkt verstörend und sorgt sofort für Spannung. Auch wenn John vielleicht etwas schneller als gewohnt in Alarmbereitschaft verfällt, wird spätestens in dem Moment, als Glenda nicht mehr erreichbar ist, klar, dass tatsächlich etwas nicht stimmt. Gerade weil Glenda mittlerweile zu den wichtigsten Personen in Johns Umfeld gehört, bekommt die Geschichte von Anfang an eine persönliche Note.
Dass John schließlich allein aufbricht, kann man durchaus hinterfragen. Einerseits erklärt er selbst, warum er seine Freunde nicht unnötig in Gefahr bringen möchte. Andererseits hätte ich zumindest erwartet, dass Bill oder das Yard im Hintergrund informiert werden. Gerade nach den Ereignissen der letzten Monate wirkt Johns Alleingang nicht unbedingt wie die vernünftigste Entscheidung.
Der eigentliche Gegenspieler, Desmond Cordray, gehört für mich zu den interessanteren Einzelfiguren der letzten Zeit. Seine arrogante Art, sein völlig gestörter Charakter und seine morbiden Vorstellungen machen ihn zu einem Gegner, den man sofort ernst nimmt. Seine tragische Vergangenheit erklärt zwar einiges, entschuldigt seine Taten aber keineswegs. Gerade diese Mischung macht ihn als Bösewicht durchaus gelungen.
Die Atmosphäre in seinem Anwesen hat mir ebenfalls gefallen. Das alte Gemäuer, das Candle-Light-Dinner und die grotesken Kreaturen, die Cordray erschaffen hat, erzeugen eine unangenehme, fast schon kranke Stimmung. Hier setzt der Roman deutlich stärker auf Ekel und körperlichen Horror als auf klassische Gruseleffekte.
Genau das dürfte allerdings Geschmackssache sein. Manche Szenen sind schon ziemlich drastisch beschrieben und gehen eher in Richtung Horrorfilm als klassischer John Sinclair. Mich hat das nicht gestört, weil es gut zur Geschichte passt, allerdings hätte etwas weniger manchmal auch gereicht.
Positiv überrascht hat mich Glenda. Sie ist diesmal keineswegs nur das Opfer, das auf Rettung wartet, sondern wehrt sich selbst und zeigt, dass sie durchaus kämpfen kann. Das macht ihre Figur sympathischer und aktiver. Auch wenn ihre Treffer gegen ihre Gegner vielleicht etwas zu erfolgreich ausfallen, gefällt mir grundsätzlich, dass sie nicht völlig hilflos dargestellt wird.
Sehr gelungen fand ich außerdem die Idee mit dem Silberkreuz-Double. Damit hatte ich überhaupt nicht gerechnet. Solche kleinen Wendungen machen einen Roman oft interessanter als große Actionszenen und zeigen, dass Henry Cardell durchaus gute Einfälle hat.
Ganz rund wirkt die Handlung für mich allerdings nicht. So bleibt beispielsweise etwas unklar, wer nun eigentlich Glendas Herz essen soll. Zunächst scheint John dafür vorgesehen zu sein, später soll plötzlich Cordray selbst derjenige sein. Solche kleinen Widersprüche fallen zwar nicht massiv ins Gewicht, sorgen aber dafür, dass die Geschichte stellenweise etwas unausgegoren wirkt.
Auch Johns Reaktion auf Cordray fiel diesmal ungewohnt heftig aus. Andererseits darf man nicht vergessen, unter welchem Druck er seit Band 2500 steht. Seine Degradierung, Asmodina, Jane, Suko und die vielen Rückschläge der letzten Monate hinterlassen offensichtlich Spuren. Insofern wirkt sein Verhalten durchaus nachvollziehbar.
Interessant ist außerdem der kleine Cliffhanger am Ende. Glenda möchte noch jemanden anrufen, und ich bin gespannt, ob daraus im nächsten Roman tatsächlich noch etwas entsteht oder ob dieser Moment lediglich als kleiner Ausblick gedacht war.
Was mir bei Henry Cardell erneut auffällt, ist seine Vorliebe für adelige Familien, Herrenhäuser, Butler und gehobene Gesellschaftsschichten. Schon mehrere seiner Sinclair-Romane spielten in diesem Umfeld. Das ist grundsätzlich nichts Schlechtes, langsam wird es allerdings etwas auffällig. Ein wenig mehr Abwechslung bei den Schauplätzen und Figuren würde ich mir für seine zukünftigen Beiträge durchaus wünschen.
Das Titelbild gefällt mir ausgesprochen gut. John im Smoking vor dem festlich gedeckten Tisch, umgeben von Kerzenlicht, während im Hintergrund bereits das Grauen lauert – das transportiert die Stimmung des Romans hervorragend. Es gehört für mich zu den stärkeren Titelbildern der letzten Wochen.
Insgesamt hat mich Candle Light Dinner positiv überrascht. Die Geschichte ist zwar kein außergewöhnlicher Meilenstein der Serie, bietet aber solide Horrorunterhaltung mit einigen guten Ideen. Besonders Desmond Cordray, die beklemmende Atmosphäre und der gelungene Twist um das Silberkreuz bleiben in Erinnerung.
Ein paar kleinere Logiklücken und manche etwas überzeichneten Szenen verhindern zwar, dass der Roman ganz oben mitspielt, insgesamt liest er sich aber angenehm flüssig und unterhält durchgehend. Nach meinen eher gemischten Eindrücken von Henry Cardells ersten Sinclair-Romanen war das für mich eindeutig sein bislang stärkster Beitrag.
Für mich ein gelungener Horrorroman mit einer unangenehm düsteren Atmosphäre, einem überzeugenden Gegenspieler und einigen schönen Einfällen. Keine große Serienoffenbarung, aber ein unterhaltsamer Einzelband, der Lust auf weitere Beiträge des Autors macht.