John Sinclair - 2505 - Die Haut des Werwolfs (Romankritik)

  • John Sinclair 2505 - Die Haut des Werwolfs

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    Nach dem großen und ziemlich actionreichen Ausflug nach New York geht es diesmal zurück zu einem wesentlich klassischeren Gruselsetting. Ein abgelegenes Schloss, ein heftiger Sturm, eine Gruppe von Menschen, die den Ort nicht verlassen kann, und irgendwo innerhalb der alten Mauern treibt ein Werwolf sein Unwesen. Eigentlich sind das genau die Zutaten, aus denen man einen richtig schönen, atmosphärischen Sinclair-Roman machen kann.

    Der Einstieg hat mir dementsprechend auch sehr gut gefallen. Bei einer Feier auf Mains Castle wird nicht nur ein Mann von einem Werwolf getötet, zuvor entdeckt er auch noch die vollständige Haut eines Menschen, die wie ein grotesker Anzug herumliegt. Das ist schon eine ziemlich makabre und ungewöhnliche Idee, die sofort neugierig macht.

    John nimmt gemeinsam mit Inspector Winston March die Ermittlungen auf. Alle Personen, die sich während des Mordes im Schloss befanden, müssen bleiben und werden nach und nach befragt. Gerade in der ersten Hälfte hat der Roman dadurch etwas von einem klassischen Agatha-Christie-Krimi. Eine überschaubare Gruppe von Verdächtigen, ein abgeschlossener Ort und die Frage, wer sich nachts in ein Monster verwandelt.

    Genau deshalb fand ich es etwas schade, dass die Identität des Werwolfs relativ früh enthüllt wird. Ich hätte es spannender gefunden, wenn man bis zum Schluss hätte miträtseln können, wer hinter den Angriffen steckt. Bei dieser Ausgangslage hätte sich das geradezu angeboten.

    Die Geschichte hinter dem Werwolf ist allerdings durchaus interessant. Arthur Westenra wurde 1947 in Indien tödlich verwundet. Seine Kameraden wollten ihn retten und beschworen einen Dämon, der ihm seine Haut nahm und ihn in einen Wolf verwandelte. Seitdem benötigt Arthur diesen Menschenanzug, um wieder seine ursprüngliche Gestalt annehmen zu können.

    Das ist eine ziemlich unheimliche Vorstellung und für mich auch die stärkste Idee des Romans. Arthur ist dadurch nicht einfach nur ein gewöhnliches Monster, sondern eine tragische Figur, die seit Jahrzehnten unter einem Fluch leidet. Auch seine Tochter, die inzwischen als Verwalterin des Schlosses lebt und versucht, ihn zu retten, bekommt dadurch ein nachvollziehbares Motiv.

    Die Nachfahren der damaligen Soldaten wurden nach Mains Castle gelockt, damit die alte Geschichte endlich zu einem Ende gebracht werden kann. Dadurch verbinden sich Vergangenheit und Gegenwart auf eine durchaus interessante Weise. Leider wird der Dämon, der Arthur überhaupt erst erschaffen hat, später kaum noch thematisiert. Das fand ich etwas verschenkt, denn gerade diese Figur hätte sich hervorragend als eigentlicher Gegner des Romans angeboten.

    Stattdessen taucht plötzlich noch eine Kreatur der Finsternis auf, die ebenfalls zu den Gästen gehört. Einerseits sorgt das für eine überraschende Wendung und verhindert, dass die zweite Hälfte nur aus einer einfachen Werwolfjagd besteht. Andererseits hatte ich auch das Gefühl, dass diese zusätzliche Kreatur nicht unbedingt nötig gewesen wäre.

    Das Finale auf dem Dach des Schlosses ist dann entsprechend groß und dramatisch angelegt. Gewitter, Blitze, der Werwolf und die Kreatur der Finsternis liefern sich einen Kampf, während John mittendrin steckt. Bildlich funktioniert das gut, aber dass die Kreatur letztlich von einem Blitz getroffen und vernichtet wird, war mir etwas zu einfach.

    Auch John selbst macht in diesem Finale nicht unbedingt die beste Figur. Die Kreatur wird durch den Blitz ausgeschaltet, und den Werwolf muss schließlich Inspector March erschießen, bevor dieser John töten kann. Natürlich muss John nicht jeden Gegner persönlich erledigen, aber gerade in dieser Phase der Serie wirkt er immer wieder erstaunlich passiv und lässt sich von anderen retten.

    Überhaupt bleibt Johns aktuelle Situation etwas merkwürdig. Seine Spezialabteilung wurde aufgelöst und seine Fähigkeiten wurden von offizieller Seite infrage gestellt. Trotzdem wird er weiterhin quer durch das Land zu übernatürlichen Fällen geschickt und kann eigentlich fast genauso weitermachen wie zuvor. Die Erklärung, man wolle es sich mit den Kollegen in Dundee nicht verderben, fand ich etwas dünn.

    Auch Johns Alkoholproblem wird erneut aufgegriffen. Inzwischen scheint das wirklich zu einer größeren Entwicklung zu gehören und nicht nur gelegentlich erwähnt zu werden. Dazu kommt sein kompliziertes Verhältnis zu verschiedenen Frauen. Er denkt an Maxine, Morgana und andere Bekanntschaften, während sein eigentliches Leben immer stärker auseinanderfällt.

    Ich bin noch nicht sicher, wohin das führen soll. Einerseits könnte daraus eine interessante psychische Entwicklung entstehen, weil John nach den ganzen Verlusten und Veränderungen offensichtlich nicht mehr der Alte ist. Andererseits besteht die Gefahr, dass sich diese Hinweise irgendwann wiederholen, ohne dass wirklich etwas daraus entsteht.

    Sorgen mache ich mir außerdem um Father Ignatius. Auch diesmal gibt es wieder deutliche Hinweise darauf, dass es ihm nicht gut geht. Mittlerweile habe ich wirklich das Gefühl, dass hier sein Abschied vorbereitet wird. Das wäre sehr schade, denn er gehört für mich zu den markantesten Nebenfiguren der Serie.

    Nicht ganz überzeugt hat mich auch die Szene mit dem Escort-Girl und der versuchten Vergewaltigung. Sie wirkte auf mich eher hineingeschrieben, um zusätzliche Härte zu erzeugen, hatte für den eigentlichen Fall aber kaum Bedeutung. Gerade bei einem Roman mit nur 64 Seiten hätte ich diesen Platz lieber für mehr Hintergrund zum Werwolf oder zum beschworenen Dämon genutzt gesehen.

    Das Cover gefällt mir dagegen ausgesprochen gut. Der dunkle Gang, John und der riesige Werwolf im Hintergrund vermitteln sofort eine klassische Gruselstimmung. Es passt hervorragend zu dem abgeschlossenen Schlosssetting und verspricht genau die Art von Geschichte, die man bei diesem Titel erwartet.

    Unterm Strich ist Die Haut des Werwolfs für mich ein interessanter Einzelroman mit einer starken Ausgangsidee. Besonders die erste Hälfte mit dem abgeschlossenen Schloss, den Verdächtigen und dem Werwolfmord hat mir gefallen. Auch die Idee des Menschenanzugs ist ungewöhnlich, makaber und richtig schön gruselig.

    Schade ist nur, dass das Rätsel um den Werwolf so früh gelöst wird und der Roman danach noch eine zusätzliche Kreatur einführt, statt die eigentliche Geschichte konsequent weiterzuentwickeln. Auch das Finale wirkt etwas zu bequem, weil John selbst kaum zur Lösung beiträgt.

    Trotzdem habe ich mich insgesamt gut unterhalten gefühlt. Die Atmosphäre stimmt, die Werwolfgeschichte besitzt eine tragische Seite und nach den großen Ereignissen der vergangenen Bände tut ein weitgehend abgeschlossener Fall grundsätzlich gut.

    Für mich ein solider und stellenweise richtig stimmungsvoller Werwolfroman, der mit seinem klassischen Schlosssetting und einer starken Grundidee punktet, aber durch die frühe Auflösung und das etwas überladene Finale nicht ganz sein volles Potenzial ausschöpft.

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