Murder Tales - 16. Falscher Hase
Ein vermeintlich tragischer Unfall erschüttert eine Firmenkantine. Eine Frau stirbt, nachdem sie sich an einem Knochenrest in ihrem veganen Essen verschluckt hat. Für viele scheint der Fall schnell erklärt zu sein, doch Hauptkommissarin Kramp glaubt nicht an einen bloßen Zufall. Gemeinsam mit Obermeister Magnussen beginnt sie zu ermitteln und stößt dabei auf immer weitere rätselhafte Ereignisse. Aus einer scheinbar einfachen Untersuchung entwickelt sich nach und nach ein verzweigter Kriminalfall voller falscher Spuren, skurriler Zufälle und überraschender Zusammenhänge. Während andere weiterhin an unglückliche Pannen glauben, erkennt Kramp, dass hinter dem „falschen Hasen“ weit mehr steckt.
Mit Erik Fehlbaum betritt ein neuer Autor die Welt der Murder Tales – und sein Einstand kann sich mehr als sehen beziehungsweise hören lassen. Statt auf reine Hochspannung oder spektakuläre Action setzt „Falscher Hase“ auf eine originelle Krimigeschichte, schräge Ideen und Figuren, die durch ihren eigenwilligen Charakter schnell im Gedächtnis bleiben. Das Ergebnis ist ein Hörspiel, das Spannung und trockenen Humor auf eine ausgesprochen unterhaltsame Weise miteinander verbindet.
Schon früh fällt auf, dass die Geschichte einen anderen Weg einschlägt als viele klassische Krimis. Der Fall entwickelt sich nicht über spektakuläre Wendungen oder permanente Gefahrensituationen, sondern lebt von seinen ungewöhnlichen Einfällen und den immer neuen Puzzlestücken, die sich langsam zu einem Gesamtbild zusammensetzen. Gerade dadurch entsteht ein angenehmer Erzählfluss, der den Hörer kontinuierlich bei der Stange hält. Besonders gelungen ist die Mischung aus Kriminalhandlung und feinem Humor. Immer wieder lockern absurde Details und skurrile Situationen das Geschehen auf, ohne den eigentlichen Fall ins Lächerliche zu ziehen. Ob kuriose Randgeschichten oder aberwitzige Ermittlungsansätze – die Geschichte überrascht regelmäßig mit kreativen Ideen, die hervorragend zum leicht kauzigen Grundton passen. Gerade diese Balance sorgt dafür, dass das Hörspiel trotz seines ruhigen Tempos nie langweilig wird. Große Actionsequenzen sucht man dagegen vergeblich. Das ist jedoch überhaupt kein Nachteil, denn die Stärke der Folge liegt eindeutig in ihren Figuren und den Dialogen. Die Ermittlungen entfalten sich Schritt für Schritt, sodass sich der Fall organisch entwickelt und bis zum Finale spannend bleibt. Erst gegen Ende zieht das Tempo etwas an und mündet in einen gelungenen, dramatischen Abschluss, der die Geschichte überzeugend abrundet.
Heide Domanowski überrascht mich in dieser Folge ausgesprochen positiv. Während ich mit ihr in anderen Produktionen bislang nicht immer vollständig warm geworden bin, scheint ihr die Rolle der Hauptkommissarin Kramp wie auf den Leib geschrieben zu sein. Ihre mürrische, direkte und häufig leicht grantige Art verleiht der Figur einen ganz eigenen Charme. Gleichzeitig gelingt es ihr, unter der rauen Oberfläche immer wieder menschliche Momente durchscheinen zu lassen. Für mich zählt Kramp schon jetzt zu den interessantesten Ermittlerfiguren innerhalb der Contendo-Reihen. Marcel Collé bildet als Obermeister Magnussen den perfekten Gegenpol. Seine ruhige, freundliche und ausgeglichene Art harmoniert hervorragend mit Kramps schroffer Persönlichkeit. Aus genau diesem Kontrast entstehen zahlreiche Dialoge, die ebenso unterhaltsam wie glaubwürdig wirken. Das Zusammenspiel der beiden trägt die Folge über weite Strecken und macht einen großen Teil ihres Reizes aus. Auch Roman Shamov, Marko Bräutigam, Heidi Schaffrath, Marius Clarén, Bastian Sierich, Elga Schütz, Florian Clyde, Dana-Maria Dewerny, Thomas Balou Martin, Christoph Piasecki und Anja Nestler fügen sich nahtlos in das Ensemble ein. Sämtliche Rollen wirken sorgfältig besetzt und tragen dazu bei, dass die Geschichte jederzeit lebendig bleibt.
Produktionstechnisch präsentiert sich „Falscher Hase“ auf dem gewohnt hohen Niveau der Murder Tales. Die Geräuschkulisse arbeitet detailliert und erzeugt glaubwürdige Schauplätze, ohne sich jemals in den Vordergrund zu drängen. Sämtliche Dialoge bleiben jederzeit hervorragend verständlich. Besonders positiv fällt erneut die musikalische Gestaltung auf. Die eingesetzten Stücke werden diesmal häufig etwas länger ausgespielt, wodurch viele Szenen angenehm nachwirken können. Das verleiht der Produktion mehr Ruhe und verhindert, dass der Eindruck ständiger Hektik entsteht. Stattdessen entwickelt sich eine dichte Atmosphäre, die hervorragend zur eher gemächlichen Erzählweise passt. Gemeinsam mit dem präzisen Sounddesign entsteht ein rundes und hochwertiges Klangbild.
Das Cover fällt sofort ins Auge. Im Vordergrund dominiert eine düstere Gestalt mit unheimlichem Lächeln und blutverschmiertem Mund, während im Hintergrund Hauptkommissarin Kramp und Obermeister Magnussen zu sehen sind. Die Illustration vermittelt sofort eine bedrohliche Grundstimmung und macht neugierig auf den Fall. Die kräftigen Rot- und Schwarztöne unterstreichen den Thrillercharakter der Reihe, während der markante Zeichenstil hervorragend zum Erscheinungsbild der Murder Tales passt.
Mit „Falscher Hase“ gelingt Erik Fehlbaum ein ausgesprochen starker Einstand innerhalb der Murder Tales. Die Geschichte überzeugt weniger durch spektakuläre Action als durch originelle Ideen, abwechslungsreiche Ermittlungen und Figuren, die hervorragend miteinander harmonieren. Besonders das Ermittlerduo aus Hauptkommissarin Kramp und Obermeister Magnussen entwickelt eine Dynamik, die vom ersten Moment an hervorragend funktioniert und der Reihe eine ganz eigene Identität verleiht. Hinzu kommt eine technisch makellose Produktion, stimmungsvolle Musik und ein Ensemble, das bis in die kleinsten Nebenrollen überzeugt. Gerade weil das Zusammenspiel der beiden Hauptfiguren so viel Spaß macht, bleibt am Ende vor allem ein Wunsch: Von diesem Ermittlerteam möchte man unbedingt noch viele weitere Fälle hören.