John Sinclair - 2503. Der Bestatter
Nach den drei sehr düsteren und ereignisreichen Romanen rund um Band 2500 schlägt Der Bestatter bewusst einen etwas anderen Weg ein. Die große Handlung um Asmodina, Suko, Jane und den Zerfall des Sinclair-Teams bleibt zwar präsent, rückt diesmal aber ein Stück in den Hintergrund. Stattdessen bekommt John einen Fall, der sich über weite Strecken wie ein klassischer Kriminalroman liest – und genau das hat mir überraschend gut gefallen.
Schon der Einstieg erzeugt eine beklemmende Atmosphäre. Die Vorstellung, lebendig in einem Sarg unter der Erde aufzuwachen, gehört wohl zu den schlimmsten Ängsten überhaupt. Dieser Prolog zieht einen sofort in die Geschichte hinein und macht deutlich, dass hier kein gewöhnlicher Serienmörder unterwegs ist.
Interessant ist vor allem, wie sich Johns neue Situation mittlerweile entwickelt. Er ist nicht länger Leiter einer Spezialabteilung, sondern muss sich im Morddezernat unter Chiefinspektor Tanner zurechtfinden. Gerade das Zusammenspiel der beiden macht mir inzwischen richtig Spaß. Tanner entwickelt sich immer mehr zu einer eigenständigen Figur, die hervorragend mit John harmoniert. Die Dialoge wirken natürlich, beide ergänzen sich gut und ich hoffe, dass diese Zusammenarbeit noch eine ganze Weile erhalten bleibt.
Auch Bill Conolly ist wieder mit von der Partie, was ich ebenfalls sehr begrüße. Nach den dramatischen Ereignissen der letzten Wochen hätte man erwarten können, dass ausschließlich der große Asmodina-Handlungsbogen weitererzählt wird. Stattdessen gönnt Ian Rolf Hill seinen Figuren und auch den Lesern eine kleine Verschnaufpause, ohne dabei die übergeordnete Geschichte völlig aus den Augen zu verlieren.
Der eigentliche Fall um den Bestatter funktioniert für mich erstaunlich gut. Ehrlich gesagt hätte ich überhaupt nichts dagegen gehabt, wenn der Roman komplett auf übernatürliche Elemente verzichtet hätte. Ohne das Auftauchen der Todesengel hätte man hier fast einen reinen Krimi gehabt – und ich lese solche Geschichten ohnehin sehr gerne. Natürlich merkt man, dass in rund sechzig Seiten nicht dieselbe Tiefe möglich ist wie in einem vierhundertseitigen Thriller. Trotzdem gelingt es dem Autor, sowohl den Täter als auch dessen Hintergrund überzeugend aufzubauen. Gerade deshalb entwickelt der Roman eine ganz eigene Spannung.
Asmodina bleibt diesmal eher im Hintergrund und hat nur wenige Auftritte. Das empfand ich zunächst sogar als angenehm, weil dadurch der eigentliche Kriminalfall mehr Raum bekommt. Gleichzeitig bleibt aber genau der Punkt bestehen, der mich schon in den letzten Heften etwas beschäftigt hat. Im Moment wirkt Asmodina beinahe allwissend. Sie scheint überall ihre Finger im Spiel zu haben, alles vorauszuplanen und selbst dann noch einzugreifen, wenn eigentlich schon alles verloren scheint. Ich hoffe deshalb, dass dieser Eindruck in den kommenden Romanen wieder etwas relativiert wird und andere Gegenspieler ebenfalls stärker ins Rampenlicht rücken.
Positiv hervorheben möchte ich außerdem, dass Myxin wenigstens kurz Erwähnung findet. Nach den dramatischen Entwicklungen der letzten Hefte wäre es seltsam gewesen, diesen Handlungsstrang völlig auszublenden. Gleichzeitig merkt man aber auch, dass sich Asmodis und der Spuk vorerst etwas zurückhalten müssen. Das ist vollkommen in Ordnung, denn nicht jede Woche muss die Welt kurz vor dem Untergang stehen.
Das Titelbild gefällt mir ebenfalls sehr gut. Es transportiert die düstere Stimmung des Romans hervorragend und passt ausgezeichnet zu diesem eher bodenständigen, beklemmenden Fall. Es setzt nicht auf spektakuläre Action, sondern auf eine unheimliche Atmosphäre – und genau das spiegelt auch die Geschichte wider.
Insgesamt wirkt Der Bestatter wie eine kleine Atempause innerhalb des großen Handlungsbogens. Die Serie nimmt sich einen Moment Zeit, einen klassischen Kriminalfall mit Horrorelementen zu erzählen, bevor die übergeordnete Geschichte vermutlich wieder an Fahrt aufnehmen wird. Gerade dieser Wechsel tut der Serie gut, weil er verhindert, dass die Dauerkrise irgendwann zur Gewohnheit wird.
Unterm Strich hat mir dieser Roman richtig gut gefallen. Er beweist, dass John Sinclair auch ohne permanente Dämonenschlachten hervorragend funktionieren kann. Das starke Zusammenspiel zwischen John und Tanner, der spannende Kriminalfall und die angenehm düstere Atmosphäre tragen den Roman mühelos. Meine einzige größere Sorge bleibt die zunehmende Allmacht Asmodinas. Sollte hier künftig wieder etwas mehr Balance einkehren, sehe ich der weiteren Entwicklung sehr optimistisch entgegen.
Für mich ein starker Krimi mit dezenten Horrorelementen, einer gelungenen Atmosphäre und einem erfreulich bodenständigen John Sinclair. Eine willkommene Abwechslung innerhalb des großen Handlungsbogens.