Das Ohr sieht besser: Unschlagbares zum Hören!

Es gibt 10 Antworten in diesem Thema, welches 219 mal aufgerufen wurde. Der letzte Beitrag (4. Juli 2026 um 12:44) ist von MonsterAsyl.

  • Hallo liebe Hörgrusler,

    ich möchte heute den Stein für eine neue Beitragsreihe in unserem Forum ins Rollen bringen. Die Idee ist simpel: Jeder von uns stellt hier ab und an eine Höraufnahme – sei es ein Hörspiel, ein Feature oder ein Live-Mitschnitt – vor, die aus eigener Sicht jedes andere visuelle Medium (Film, Fernsehen, Theater) spielend in den Schatten stellt.

    Ich mache gleich den Anfang mit einer absoluten Herzensangelegenheit: Dem Live-Mitschnitt des Theaterstücks „Das hat man nun davon“ mit Heinz Erhardt als Finanzbeamter Willi Winzig.

    Viele von euch kennen Willi Winzig sicherlich aus dem Kinofilm „Was ist denn bloß mit Willi los?“ von 1970. Aber Hand aufs Herz: Vergesst den Film. Vergesst eigentlich fast jeden Film mit Heinz Erhardt. Denn das, was das Wirtschaftswunder-Kino damals mit ihm gemacht hat, war oft ein Trauerspiel. Er wurde in ein enges Korsett aus schwachen Drehbüchern, hölzernen Nebenhandlungen und erzwungenem Slapstick gezwängt. Seine größte Waffe – das exakte sprachliche Timing – ging im Schnittgewitter und im visuellen Ballast der Studios oft völlig verloren.

    Ganz anders auf der Schallplatte. Wer diesen Mitschnitt hört, erlebt Erhardt in seiner absolut reinsten, unzensierten Form.

    Warum schlägt diese Platte für mich jeden seiner Filme?

    • Das pure Wort steht im Mittelpunkt: Heinz Erhardt war im Herzen kein Filmschauspieler, sondern ein grandioser Rezitator und Bühnenkünstler. Auf der Tonspur konzentriert sich alles zu 100 % auf sein Genie: Das absichtliche Verhaspeln, die winzige Pause vor der Pointe, der subtil verdrehte Buchstabe. Kein Regisseur bremst ihn aus.
    • Die unbezahlbare Live-Energie: Das Medium Ton fängt hier eine Magie ein, die kein Studio replizieren kann. Man hört das Knistern im Saal, das spontane Lachen des Publikums und wie Erhardt förmlich auf dieser Welle der Begeisterung reitet, aus der Rolle fällt und direkt mit den Zuschauern interagiert. Das ist Kopfkino auf allerhöchtem Niveau.
    • Befreit vom Wirtschaftswunder-Kitsch: Während die Filme heute durch zeittypische Schlagereinlagen und fade Kulissen extrem gealtert wirken, ist die Audio-Komödie über den deutschen Bürokratismus absolut zeitlos geblieben.

    Für mich der ultimative Beweis: Das Ohr sieht einfach besser. Die Platte transportiert Erhardts Wärme, seinen Witz und sein handwerkliches Können um Längen intensiver, als es die Mattscheibe je vermochte.

    Jetzt seid ihr dran! Welches akustische Juwel hat euch so gepackt, dass ihr das dazugehörige Buch oder die Verfilmung dafür jederzeit im Schrank stehen lasst?

    Ich bin gespannt auf eure Vorstellungen und freue mich auf die Diskussion!

    Viele liebe Grüße

    Rudolf

    Allerbesten Gewissens empfehle ich:
    DAGON von M. Winter
    Luxus-Ausstattung sowohl CD als auch LP

  • Die Plattenaufnahme habe ich auch, es gibt aber auch die entsprechende Bildaufzeichnung dazu, und wenn Erhardt dann seinem Chef, der ihn als Wahnsinnigen bezeichnet, nicht nur mit einem begeisterten „Na endlich!“ antwortet, sondern ihn auch noch an sich drückt und auf die Stirn küßt (was man bei der reinen Audioaufnahme nicht mitbekommt, oder der abgebrochene und neu angesetzt „Hallo, Taxe!“-Gag, das sind schon Momente, die mit Bild deutlich besser kommen.

  • Krass, von der Bildaufzeichnung wusste ich gar nichts. Da kann ich ja nur hoffen, dass das Bild eher so MAZ-mäßig daherkommt und der Ton vielleicht auch etwas abfällt, so dass das möglicherweise trotzdem nicht mit der Platte konkurrieren kann, bei der man schon das Gefühl hat mit geschlossenen Augen im Theater zu sitzen.:zwinker:

    Aber im Ernst, dass muss ich sehen, nachdem ich das, seit ich 12 bin schon bestimmt hundert mal gehört habe.

    Allerbesten Gewissens empfehle ich:
    DAGON von M. Winter
    Luxus-Ausstattung sowohl CD als auch LP

  • Das scheint genau die Aufzeichnung zu sein - nur mit Bild. Danke! Tatsächlich fremdel ich jetzt aber noch etwas damit, da ich es seit Jahrzehnten ohne Bild kenne…

    Allerbesten Gewissens empfehle ich:
    DAGON von M. Winter
    Luxus-Ausstattung sowohl CD als auch LP

  • „An Evening of Edgar Allan Poe“.

    Ein ca. 55minütiger Fernsehfilm, in dem Vincent Price solo (und jeweils entsprechend kostümiert) 4 Geschichten von Poe erzählt. Rein filmisch ist das alles relativ schmalbrüstig, aber die gerippte Tonspur (mit der Musik und den entsprechenden Sounds) hat Albtraumqualitäten und steht der eigenen Lektüre in nichts nach. Wenn ich Poe pur und unverfälscht möchte, höre ich mir die an.

  • Und das WDR-Hörspiel zu "Der Name der Rose"! Das ist (Radio-)Hörspiel in Vollendung. Dem Zuhörer wird zwar einiges an Zeit und Konzentration abverlangt, aber dafür wird er mehr als reichlich belohnt durch eine atmosphärische, stimmige Bearbeitung und grandiose Sprecherleistungen, allen voran Heinz Moog, Pinkas Braun und Manfred Steffen. Daß die Nebenrollen dann mit seinerzeit eher seltenen Gästen im Hörspielstudio wie Lukas Ammann, Stefan Wigger und Richard Münch (ganz stark!) besetzt sind, ist dann noch das Sahnehäubchen. Lediglich zwei (unbedeutende) Kritikpunkte seien angemerkt: Michael Habeck in einer anderen Rolle zu hören, als er im Film spielte (auch, wenn er dort keinen wirklichen Text hat) verwirrt, und irgendwie fehlen mir Siegmar Schneider und Helmut Qualtinger. Andererseits war aber wohl auch die Intention, sich komplett vom Film zu emanzipieren (sonst hätte man wohl auch Gert Günther Hoffmann geholt), insofern - Meckern auf hohem Niveau. Ein echter Meilenstein des Genres!

    Dafür lasse ich sowohl den anstrengenden, dicken Wälzer von Eco als auch den starbesetzten und für sich genommen guten, aber teilweise dramaturgisch ungeschickt erzählten Film mit Sean Connery stehen!

  • Das ist ja mal ein spannender, toller Thread! Da darf man ja nur gespannt sein, was da noch kommt.

    Gehört denn auch sowas wie Loriot dazu? Denn der wäre ja auch nicht mehr von heute? Naja, ich lasse mich wie immer sehr gern überraschen. :ballons:

    Es sind nicht die Augen die blind sind, sondern blind sind die Herzen.

  • Kann sein, dass ich es falsch verstanden habe, für mich stellt "Die weisse Lilie" jedes andere Medium in den Schatten, was ein Sounddesign, was für ein großartiges Schauspiel und welche eine packende Story!!! Kaum ein anderes Hörspiel hat für mich so ein audtitives Erlebnis dargestellt, wie diese Serie.

Jetzt mitmachen!

Sie haben noch kein Benutzerkonto? Registrieren Sie sich kostenlos und werden Sie Teil der Hörgrusel-Community! Wir freuen uns auf Sie!