John Sinclair - 2502. Johnnys Opfergang
Nach dem beklemmenden Gefallene Helden setzt Johnnys Opfergang die Ereignisse nahtlos fort und macht endgültig klar, dass die Krise nicht nach zwei Heften wieder vorbei sein wird. Ganz im Gegenteil: Die Lage spitzt sich weiter zu und die Figuren geraten immer tiefer in einen Strudel aus Manipulation, Verzweiflung und dämonischen Intrigen. Man hat inzwischen kaum noch das Gefühl, einzelne Romane zu lesen. Es fühlt sich eher wie ein großer, zusammenhängender Roman an, dessen Kapitel Woche für Woche erscheinen.
John selbst ist mittlerweile mehr Getriebener als Jäger. Das gefällt mir durchaus, weil man ihn selten so verletzlich erlebt hat. Er ist nicht mehr der souveräne Geisterjäger, der mit Kreuz und Beretta die Situation unter Kontrolle bringt. Stattdessen stolpert er von einem Schlag zum nächsten. Suko ist verschwunden, Jane in der Hölle, Shao außer Landes, Sir James weg, und nun geraten auch noch Bill und Sheila gemeinsam mit ihm in die Hände der Polizei. Dass ausgerechnet Grayson die Handschellen klicken lässt, macht die Situation umso bitterer. John kämpft längst nicht mehr nur gegen Dämonen, sondern gegen ein System, das sich gegen ihn zu wenden scheint.
Besonders im Mittelpunkt steht diesmal Johnny. Seine Entwicklung ist erschreckend. Man spürt förmlich, wie tief Asmodinas Einfluss reicht und wie wenig von dem jungen Mann übrig geblieben ist, den man über viele Jahre hinweg kennengelernt hat. Dass er schließlich sogar bereit ist, auf seine eigenen Eltern zu schießen, gehört zu den härtesten Momenten dieser Handlung. Das macht betroffen, weil Bill und Sheila nicht irgendwelche Nebenfiguren sind, sondern seit Jahrzehnten zur Familie der Serie gehören. Gerade deshalb wirken diese Szenen so stark.
Überhaupt gefällt mir, dass die Conollys endlich wieder eine tragende Rolle spielen. Man merkt, dass sie nicht mehr nur dazu da sind, Berichte zu schreiben oder John Informationen zuzuspielen. Sie stehen selbst mitten im Geschehen und müssen die Konsequenzen ausbaden. Das macht die Handlung persönlicher und emotionaler. Man leidet mit ihnen, weil man diese Figuren seit so vielen Jahren kennt.
Parallel dazu entwickelt sich die Handlung um Suko und Myxin weiter. Die Begegnung mit dem Spuk und die Erkenntnis, dass Myxin tatsächlich tot zu sein scheint, verleihen diesen Szenen eine fast schon surreale Atmosphäre. Das Reich des Spuks wirkt fremd, lebensfeindlich und geheimnisvoll. Gleichzeitig stellt sich natürlich sofort die Frage, ob Myxins Tod wirklich endgültig sein kann. Gerade weil die Atlantis-Legenden derzeit eine so wichtige Rolle spielen, fällt es schwer zu glauben, dass dies bereits sein Ende gewesen sein soll. Trotzdem funktioniert dieser Schockmoment hervorragend.
Sehr reizvoll finde ich auch den Gegensatz zwischen der Hölle und dem Reich des Spuks. Es entsteht zunehmend der Eindruck, dass hier zwei Mächte gegeneinanderstehen, deren Ziele noch längst nicht vollständig offenliegen. Asmodina zieht weiterhin die Fäden und scheint ihren Gegnern immer mehrere Schritte voraus zu sein. Gleichzeitig ist da aber der Spuk, der ebenfalls wieder an Macht gewonnen hat und dessen eigene Pläne noch völlig im Dunkeln liegen. Diese Konstellation macht neugierig.
Überhaupt ist Asmodina für mich momentan die eigentliche Hauptfigur der Gegenseite. Sie kämpft nicht mit roher Gewalt, sondern mit Manipulationen, Täuschungen und psychischem Druck. Sie zerstört Beziehungen, verdreht Erinnerungen und benutzt Menschen als Werkzeuge. Dadurch entsteht eine ganz andere Art von Horror. Man fragt sich ständig, wer noch er selbst ist und welche Ereignisse vielleicht nur Teile eines größeren Plans sind.
Action gibt es in diesem Roman reichlich, aber ich hatte nie das Gefühl, dass sie Selbstzweck wäre. Hinter den Schießereien und Konfrontationen steckt immer die Tragik der Figuren. Gerade deshalb wirkt vieles intensiver als früher. Die Handlung rast zwar voran, aber sie verliert nie die emotionale Ebene aus den Augen.
Das Titelbild gefällt mir ebenfalls sehr. Asmodina dominiert das Motiv mit ihrem dämonischen Blick, während John, Johnny und Bill darunter fast wie Figuren erscheinen, die bereits in ihrem Netz gefangen sind. Das passt hervorragend zum Inhalt. Alles dreht sich um Opfer, Manipulation und den immer größer werdenden Einfluss der Teufelstochter.
Was diese neue Phase der Serie für mich so besonders macht, ist allerdings auch gleichzeitig das, was sie ein wenig anstrengender macht. Früher konnte man einen Sinclair-Roman lesen, abschalten und einfach Spaß haben. Im Moment funktioniert das anders. Die Handlung ist komplexer, düsterer und emotional belastender. Die Figuren erleiden Niederlagen, verlieren Freunde und geraten immer tiefer in den Abgrund. Das ist spannend und mutig, aber eben auch beklemmend.
Und obwohl Johnnys Opfergang offiziell als Ende eines Zweiteilers bezeichnet wird, fühlt sich überhaupt nichts abgeschlossen an. Im Gegenteil. Man hat eher den Eindruck, dass sich der große Handlungsbogen erst richtig entfaltet und die eigentlichen Konsequenzen noch bevorstehen.
Für mich ist Johnnys Opfergang deshalb ein starker, temporeicher und emotionaler Roman, der die düstere Entwicklung konsequent fortführt. Er liefert Action, Spannung und einige heftige Momente, beantwortet aber bewusst nicht alle Fragen. Stattdessen wächst die Neugier darauf, wie es mit John, Suko, Jane und den Conollys weitergeht.
Die Welt von John Sinclair liegt weiterhin in Trümmern – und genau deshalb möchte man unbedingt wissen, wie diese Geschichte weitergeht.