John Sinclair - 2501. Gefallene Helden
Nach dem großen Jubiläumsband Der Tag, an dem die Hölle siegte geht es mit Gefallene Helden direkt weiter – und man merkt sofort, dass Band 2500 eben kein einmaliger Schockeffekt war, sondern der Beginn einer größeren, düsteren Entwicklung. Die Welt von John Sinclair ist nicht einfach nur kurz aus dem Gleichgewicht geraten. Sie liegt in Trümmern.
John hat praktisch alles verloren, was seine Arbeit und sein Leben bisher zusammengehalten hat. Die Spezialabteilung existiert nicht mehr, Sir James ist aus dem Dienst gedrängt, Suko und Jane sind verschwunden, Shao verlässt erst einmal das Land, und John selbst steht immer stärker unter Druck. Das hat schon eine ganz andere Schwere als viele klassische Einzelabenteuer der Reihe. Hier geht es nicht nur darum, irgendeinen Dämon zu stellen, sondern darum, dass das ganze vertraute Gefüge auseinanderbricht.
Besonders stark fand ich die emotionale Szene am Flughafen mit Shao. Sie ist gar nicht übertrieben lang, aber sie wirkt. Da steckt viel Schmerz drin, weil man spürt, dass hier jemand geht, obwohl eigentlich niemand gehen dürfte. Gerade dieser Moment zeigt gut, wie sehr das Team gerade zerfällt. Shao bittet John, Suko nicht aufzugeben – und gleichzeitig merkt man, dass John selbst alles andere als stabil ist.
Parallel dazu wird die Schlinge um John immer enger gezogen. Dass er plötzlich selbst in einen Mordfall hineingezogen und zum Verdächtigen wird, passt sehr gut zu dieser neuen Phase. Die Dämonen greifen nicht nur frontal an, sondern zerstören Strukturen, Vertrauen und Sicherheiten. Das ist eigentlich viel gefährlicher als ein normaler Angriff, weil John gar nicht mehr weiß, von welcher Seite der nächste Schlag kommt.
Sehr interessant ist auch die Entwicklung um die Conollys. Bill und Sheila bekommen endlich wieder mehr Gewicht, und gerade Johnny steht hier im Mittelpunkt einer erschreckenden Veränderung. Dass Asmodina offenbar massiv manipuliert, Erinnerungen verändert und Menschen wie Spielfiguren verschiebt, verleiht dem Roman etwas sehr Beklemmendes. Das fühlt sich fast wie ein großes dämonisches Schachspiel an, bei dem die Guten erst viel zu spät merken, dass sie längst auf dem Brett stehen.
Asmodina ist für mich in diesem Band eine der spannendsten Kräfte im Hintergrund. Sie agiert nicht einfach nur böse, sondern taktisch. Sie verdreht Wahrnehmungen, setzt falsche Fährten, benutzt Figuren gegeneinander und schafft eine Atmosphäre, in der man kaum noch unterscheiden kann, was echt ist und was inszeniert wurde. Gerade das macht Gefallene Helden so reizvoll. Man liest ständig mit dem Gefühl: Irgendetwas stimmt hier nicht – aber was genau?
Auch Suko bekommt seinen eigenen düsteren Handlungsstrang. Die Szenen in dieser lebensfeindlichen Schattenwelt haben eine sehr starke Wirkung. Dass Myxin offenbar tot sein soll und sich im Reich des Spuks befindet, ist natürlich ein echter Hammer. Ich glaube zwar nicht, dass das endgültig sein muss, aber als Schockmoment funktioniert es hervorragend. Der Spuk bekommt dadurch ebenfalls wieder eine unheimliche Präsenz, und man fragt sich sofort, welche Rolle er in diesem ganzen Geflecht wirklich spielt.
Was mir an diesem Band besonders gefällt, ist die Tatsache, dass die Figuren nicht mehr nur reagieren wie früher. Es fühlt sich an, als würden sie endlich wieder mehr Eigengewicht bekommen. Bill, Sheila, Glenda, Johnny, Shao – sie sind nicht bloß Begleitpersonal, sondern direkt betroffen, handelnd, verwundbar und wichtig. Genau das hat der Serie lange gut getan, wenn das Team als Ganzes spürbar wurde.
Gleichzeitig muss ich sagen: Das Lesen fühlt sich anders an als früher. Nicht schlechter, aber schwerer. Gefallene Helden ist kein lockerer Gruselroman, den man einfach wegsnackt, um mal eben abzuschalten. Dafür ist die Stimmung zu bedrückend, die Lage zu verfahren und die Bedrohung zu persönlich. Man leidet mit den Figuren, weil man sie kennt. Und genau dadurch trifft diese Phase härter.
Ein paar kleinere Ungereimtheiten gibt es durchaus. Manche Abläufe wirken etwas sprunghaft, einige Zeitangaben nicht ganz sauber, und an einzelnen Stellen fragt man sich, ob da noch etwas erklärt wird oder ob man etwas überlesen hat. Auch manche Dialogformulierungen passen für mich nicht immer hundertprozentig zu den Figuren. Aber im Gesamtbild stört mich das weniger, weil der Roman atmosphärisch sehr stark ist und die Grundspannung trägt.
Das Cover finde ich übrigens richtig stark. Dieses zerrissene Gesicht mit Begriffen wie „Love“, „Hate“, „True“, „Fake“, „Strong“ und „Weak“ bringt die innere Zerrissenheit des Bandes perfekt auf den Punkt. Es geht hier um Identitäten, Täuschungen, Manipulationen und um Helden, die nicht mehr sicher auf der richtigen Seite zu stehen scheinen. Für mich eines der auffälligeren und passendsten Cover dieser neuen Phase.
Unterm Strich ist Gefallene Helden für mich ein sehr starker Anschluss an Band 2500. Der Roman gibt noch längst keine Entwarnung, sondern zieht die Schrauben weiter an. John steht mit dem Rücken zur Wand, sein Umfeld zerbricht, alte Feinde greifen aus dem Schatten an, und selbst vertraute Figuren wirken plötzlich unsicher oder gefährlich verändert.
Das ist nicht mehr die einfache Wohlfühl-Sinclair-Lektüre von früher. Es ist düsterer, komplexer und emotional belastender – aber gerade deshalb auch spannend. Ich will jetzt unbedingt wissen, wie Ian Rolf Hill diesen großen Handlungsbogen weiterführt.
Für mich ein intensiver, beklemmender und sehr neugierig machender Folgeband.