Lucky Luke – Die Grimm Brothers (Flix & Reinhard Kleist)
Ich finde die Grundidee von Die Grimm Brothers einfach herrlich: Lucky Luke trifft auf Jacob und Wilhelm Grimm – deutscher Märchenkosmos prallt auf Wilden Westen. Das klingt erst einmal völlig verrückt, funktioniert aber erstaunlich gut, weil der Band genau versteht, was beide Welten ausmacht.
Die Grimms auf Lesereise durch Amerika, aber niemand interessiert sich für ihre Märchen – allein dieser Einstieg hat schon einen wunderbaren Humor. Aus europäischen Salons werden staubige Saloons, aus Märchenlesungen wird ein Kulturschock, und mittendrin steht Lucky Luke, der versucht, das Ganze irgendwie zusammenzuhalten. Dass er den Brüdern rät, ihre Geschichten etwas „westernmäßiger“ zu erzählen, ist eine schöne Idee, die dann natürlich komplett aus dem Ruder läuft.
Besonders gefallen hat mir, wie viele Märchen-Anspielungen eingebaut sind. Rotkäppchen, Schneewittchen, Hänsel und Gretel, Hans im Glück, die Bremer Stadtmusikanten – das ist alles mit viel Liebe eingestreut, ohne dass es wie bloßes Abhaken wirkt. Gleichzeitig bekommt man als Lucky-Luke-Fan natürlich auch genug Wiedererkennungswert: die Daltons, Ma Dalton, Rantanplan, Jolly Jumper und etliche Westernschurken sorgen dafür, dass sich das Ganze trotzdem klar nach Lucky Luke anfühlt.
Flix trifft den Humor der Reihe für mich ziemlich gut. Die Geschichte ist verspielt, pointenreich und manchmal angenehm albern, hat aber gleichzeitig auch eine zweite Ebene. Es geht nämlich nicht nur darum, Märchen in den Wilden Westen zu verpflanzen, sondern auch darum, wie Geschichten wirken. Wer erzählt was über wen? Wann wird aus einer Erzählung ein Mythos? Und wie schnell kann ein falsches Bild plötzlich ein Eigenleben entwickeln? Gerade die Daltons, die mit ihrem neuen Image überhaupt nicht einverstanden sind, fand ich in diesem Zusammenhang sehr witzig.
Reinhard Kleists Zeichnungen haben natürlich seine eigene Handschrift. Das ist kein reiner Morris-Abklatsch, und genau das finde ich gut. Gleichzeitig bleibt er nah genug am klassischen Lucky-Luke-Gefühl, damit der Band nicht völlig aus der Reihe fällt. Die Figuren sind ausdrucksstark, die Szenen lebendig, und gerade die märchenhaften Passagen haben optisch einen besonderen Reiz. Die Farbgebung wirkt bewusst kräftig und manchmal fast etwas schräg – aber auch das passt wunderbar zur Tradition der alten Alben.
Was ich ebenfalls mochte: Der Band ist voller kleiner popkultureller Spielereien. Solche Anspielungen können schnell zu viel werden, aber hier wirken sie meistens charmant. Man merkt einfach, dass Flix und Kleist nicht nur eine Auftragsarbeit abgeliefert haben, sondern mit echter Liebe zu Lucky Luke, zu den Grimms und zum Medium Comic an die Sache herangegangen sind.
Natürlich ist Die Grimm Brothers eher eine Hommage als ein klassisches Lucky-Luke-Abenteuer. Wer nur den ganz traditionellen Morris-Goscinny-Ton sucht, wird vielleicht kurz fremdeln. Aber für mich liegt genau darin der Reiz. Der Band erlaubt sich etwas Eigenes, ohne die Figur zu verraten.
Unterm Strich ist das für mich eine sehr gelungene, liebevolle und ziemlich clevere Lucky-Luke-Hommage. Märchen, Western, Meta-Humor und Nostalgie greifen schön ineinander. Ein Band, der Spaß macht, der viele kleine Details bietet und der zeigt, dass Lucky Luke auch nach all den Jahrzehnten noch überraschend frisch wirken kann.
Für mich ein richtig schönes Jubiläumsabenteuer – märchenhaft, witzig und mit ganz viel Herz für den armen, einsamen Cowboy.