Das schwarze Haus (Stephen King / Peter Straub)
Ein kleiner Ort in Wisconsin, Wälder, Kälte im Wind – und ein Serienmörder, der nicht nur tötet, sondern Spuren hinterlässt, die einem beim Lesen schon im Magen liegen würden. Jack Sawyer, längst kein Kind mehr und eigentlich raus aus dem Polizeiding, wird in einen Fall hineingezogen, der ihn nicht nur beruflich, sondern auch persönlich trifft. Denn Jack trägt etwas mit sich herum, das man nicht einfach „Vergangenheit“ nennt – diese andere Welt, die „Territorien“, dieses Gefühl, dass es Türen gibt, die man einmal geöffnet hat und nie wieder ganz schließen kann. Und genau darum geht es: Um einen Täter, den man nur fassen kann, wenn man bereit ist, wieder dorthin zu gehen, wo Realität und Albtraum ineinander greifen. Das „schwarze Haus“ ist dabei nicht nur ein Ort, sondern ein Übergang, ein Zugang – und eine Drohung.
Für mich hängt an Das schwarze Haus immer automatisch der Schatten von Der Talisman. Das ist so ein Titel, der bei vielen – und bei mir auch – einen festen Platz hat, weil er damals dieses große Abenteuergefühl mit etwas Düsterem verbunden hat, ohne sich dafür zu schämen. Und genau deshalb ist die Erwartung an diese Fortsetzung riesig. Als Hörbuch wirkt das Ganze außerdem wie ein Ereignis, schlicht wegen der Wucht: Das ist kein „mal eben nebenbei“-Titel, das ist ein Langstreckenlauf. Und das hört man von der ersten Stunde an: Diese Geschichte nimmt sich Zeit. Sehr viel Zeit.
Was ich an dieser Umsetzung spannend finde: Sie funktioniert wie ein langsames, breites Ausrollen. Am Anfang ist das Tempo eher behäbig, manchmal sogar zäh, weil der Roman erst mal Atmosphäre und Alltagsrahmen baut, bevor er richtig in die Spur kommt. Das kann frustrieren, wenn man sofort diesen Sog erwartet, den manche King-Stoffe so mühelos erzeugen. Aber irgendwann greift es dann doch: Sobald der Kriminalfall klarer konturiert ist und sich die fantastischen Elemente stärker hineinziehen, entsteht diese „King/Straub“-Mischung aus Kleinstadtgefühl, gesellschaftlicher Schärfe und zunehmend bedrohlichem Übernatürlichen. Mir gefällt, wie sich die Spannung nicht in einem großen Sprung aufbaut, sondern stetig anzieht – Szene für Szene, Hinweis für Hinweis, bis die Geschichte später deutlich handfester, brutaler und auch actionreicher wird. Trotzdem: Die Längen bleiben ein Thema. Man merkt, dass hier Passagen drin sind, die man in einer strafferen Version vermutlich nicht vermissen würde. Gerade als Hörbuch, über so viele Stunden, fällt das stärker ins Gewicht als beim Lesen.
David Nathan ist – ganz ehrlich – ein Pfund. Für mich ist er der Grund, warum man auch durch die langen Strecken kommt, ohne innerlich auszusteigen. Er kann Figuren mit kleinen Nuancen trennen, ohne dass es jemals nach „Stimmakrobatik“ klingt. Er hält die Grundspannung, selbst wenn die Handlung gerade noch im Aufbau steckt. Und sobald es dunkler wird, ist er in seinem Element: Dieses kontrollierte Erzählen, dieses präzise Setzen von Unruhe, dieser Wechsel zwischen sachlicher Ermittlungsnüchternheit und dem Gefühl, dass unter der Oberfläche etwas faul ist – das macht er richtig stark. Wenn man dieses Hörbuch hört, dann hört man es auch ein Stück weit wegen David Nathan.
Klanglich wirkt das alles sehr hochwertig und angenehm: klare Stimme, saubere Aufnahme, keine störenden Spitzen. Gerade bei so einer Laufzeit ist das entscheidend, weil man sonst irgendwann ermüdet – hier trägt die technische Seite zuverlässig durch. Es ist eine Produktion, die nicht im Vordergrund herumklappert, sondern dem Vortrag Raum gibt, und das passt perfekt.
Das Cover ist schlicht, aber effektiv: der fette King-Schriftzug, der Titel, dieses dunkle Motiv – und diese Spinne als Signal, dass es hier nicht gemütlich wird. Es hat etwas sehr Direktes, fast wie ein Warnschild. Kein Schnickschnack, sondern klar: Horror/Thriller, düster, unangenehm. Und genau so fühlt sich der Stoff letztlich auch an, wenn er einmal Fahrt aufgenommen hat.
Das schwarze Haus ist als Hörbuch eine Mischung aus beeindruckender Wucht und spürbarer Geduldsprobe. Es hat für mich diese King-typische Kraft, eine Welt aufzubauen, Figuren einzupflanzen und irgendwann eine Bedrohung so groß werden zu lassen, dass man sich ihr nicht mehr entziehen kann. Aber es hat eben auch diese langen Strecken, die den Fluss bremsen – und bei über 31 Stunden merkt man das gnadenlos. Was am Ende bleibt: eine Geschichte, die als Fortsetzung wegen Jack Sawyer und der Parallelwelt absolut ihren Reiz hat, inhaltlich aber nicht ganz die Magie und Stringenz des Vorgängers erreicht. Als Hörbuch wird das Ganze durch David Nathan enorm aufgewertet – er macht aus einem teils sehr ausgedehnten Roman ein Hörerlebnis, das sich trotz allem trägt. Ich würde sagen: Für Fans von Der Talisman und für Nathan-Hörer ein Muss – für alle anderen eher etwas, bei dem man wissen sollte, worauf man sich einlässt.