The Three Investigators: Mystery of the Factitious Falconer (Elisabeth Arthur & Steven Bauer)
Mit dem sechsten Band der neuen Three Investigators-Reihe öffnet sich die Saga erneut in eine andere Richtung – diesmal ins Reich der Kunst, der Geschichte und der verborgenen Identitäten. The Mystery of the Factitious Falconer führt die ikonischen Figuren mitten hinein in eine Erzählung, die ihre Spannung nicht nur aus einem Kriminalfall zieht, sondern aus der Verflechtung von Vergangenheit und Gegenwart, von geerbten Geheimnissen und modernen Intrigen. Hier geht es nicht um einfache Tätersuche, sondern um Schichten von Geschichte – und darum, was sich unter dem Lack der Erinnerung verbirgt.
Der Auslöser ist denkbar unspektakulär: Jupiter erhält von Tante Mathilda und Onkel Titus zum Geburtstag drei Fechtstunden im Center for Falconry and Fencing. Ein Geschenk, das zunächst nur kurios wirkt, verwandelt sich rasch in den Beginn eines komplexen Falls. Denn im Foyer des Zentrums verschwindet ein Gemälde – eine Darstellung eines mittelalterlichen Falkners mit seinem Falken, geschaffen vom norwegischen Maler Aksel Olsen. Dieses Bild ist nicht nur ein Kunstwerk, sondern ein Puzzlestück in einer Geschichte, die tief in die Zeit des Zweiten Weltkriegs zurückreicht.
Schon bald stoßen Jupiter, Pete, Bob und Mallory auf die Brüder Leif und Magnus Haldorsson, die im Schrottplatz als Tischler arbeiten – und eine Familiengeschichte mitbringen, die das Rätsel noch vergrößert. Der verschwundene Falkner stammt nämlich aus dem Werkbestand eines Künstlers, der einst im Umfeld der norwegischen Widerstandsbewegung aktiv war. Und Freya, die jüngere Schwester der Brüder, hat nicht nur eine spürbare Zuneigung zu Bob entwickelt, sondern erweist sich als Schlüssel zu den familiären Aufzeichnungen: Briefe ihres Großvaters, der im Widerstand kämpfte, bergen Hinweise, die weit über einen simplen Kunstdiebstahl hinausgehen.
Die Spur führt die Detektive über mehrere Stationen: vom Falkenzentrum über die Haldorsson-Werkstatt zu Matthias Mueller, dem Besitzer einer Galerie, der das gestohlene Gemälde einst an Per Jorgensen – einen berühmten dänischen Schauspieler – verkauft hatte. Jorgensen wiederum hatte es dem Zentrum gestiftet, um eine Restaurierungsaktion zu unterstützen: Ein Fundraising-Event soll die Fresken des russisch-amerikanischen Malers Evgeni Voronin retten. Mitten in dieses feingliedrige Netz tritt Günther Böhm, ein selbsternannter „Künstler“ mit lilafarbenen Schnürsenkeln – und gefährlich großer Entschlossenheit, sämtliche Versionen des Falkner-Bildes in seinen Besitz zu bringen.
Schon die Prämisse entfaltet einen Sog, der weit über den typischen Rahmen eines Jugendkrimis hinausgeht. Zehn nahezu identische Gemälde desselben Motivs – warum hat Aksel Olsen sie gemalt? Weshalb tauchten sie bei einem Auktionshaus in Deutschland auf? Und was steckt hinter der Besessenheit des mysteriösen Böhm? Die Antworten offenbaren nach und nach ein Geflecht aus Kunstraub während der Nazi-Zeit, verschleierten Provenienzen und einer Geschichte, die die Gegenwart einholt.
Die Inszenierung des Romans folgt dabei einer meisterhaft konstruierten Dramaturgie. Was als scheinbar kleiner Diebstahl beginnt, weitet sich zu einer Erzählung über vererbte Schuld, verschüttete Erinnerungen und die Frage, was ein Kunstwerk eigentlich bewahrt: nur Farbe und Leinwand – oder Geschichte und Identität. Die Jagd nach der Wahrheit führt die Detektive durch Galerien, Privatvillen am Meer, Auktionshäuser, Archive und Familiengeheimnisse. Dabei bleibt die Spannung konstant hoch, weil jeder Schauplatz ein weiteres Stück des Puzzles offenbart.
Wie bereits in den Vorgängerbänden lebt die Erzählung stark von ihren Figuren. Freya Haldorsson, die zwischen Neugier, Familienloyalität und einem aufkeimenden Gefühl für Bob steht, ist eine leise, aber ungemein präzise gezeichnete Figur, die dem Roman emotionale Tiefe verleiht. Matthias Mueller wirkt ambivalent – nicht klassisch verdächtig, aber undurchsichtig. Per Jorgensen bringt Glamour und moralische Grauzonen ins Spiel: ein Schauspieler mit gutem Image, aber undurchsichtigen Motiven. Und Günther Böhm ist ein Antagonist, der durch seine Exzentrik fast schon grotesk wirkt – aber gerade das macht ihn so gefährlich.
Besonders stark gelingt den Autoren die Verknüpfung historischer Elemente mit einer modernen Handlung. Die Briefe aus der Zeit des norwegischen Widerstands sind keine bloßen Kulissenrequisiten, sondern tragen die Geschichte: Sie erzählen von Mut, Täuschung, Kunst als Widerstand und der Frage, wem ein kulturelles Erbe eigentlich gehört. Diese historische Verankerung gibt dem Band ein Gewicht, das weit über klassische Abenteuerplots hinausreicht.
Auch die jungen Detektive selbst entwickeln sich weiter. Jupiter agiert überlegt, analytisch, mit wachsender strategischer Präzision. Bob, der durch Freya eine neue Seite an sich entdeckt, erhält eine ungewohnt persönliche Note. Pete bleibt der Impulsive, aber sein Gespür für Stimmungen und Details trägt entscheidend zur Auflösung bei. Und Mallory hat sich inzwischen vollständig als gleichwertiges Teammitglied etabliert – mit Mut, Intuition und klarer Stimme.
The Mystery of the Factitious Falconer ist ein vielschichtiger, tief verankerter Band innerhalb des großen 26-teiligen Zyklus. Er erzählt nicht nur einen Kriminalfall, sondern verknüpft Vergangenheit und Gegenwart auf eine Weise, die gleichermaßen spannend, nachdenklich und atmosphärisch dicht ist. Wer diese Reihe bisher mochte, wird hier mit einer Geschichte belohnt, die reifer klingt, größer denkt und noch tiefer unter die Oberfläche blickt.
Die Verbindung aus Fechtunterricht, Falknerei, Kunstraub und Widerstandsgeschichte mag auf den ersten Blick ungewöhnlich wirken – doch genau in dieser Mischung liegt die Stärke des Romans. Ein modernes Detektivabenteuer, das das Gewicht der Geschichte spürbar macht, ohne seine Leichtigkeit zu verlieren. Ein weiterer starker Beweis dafür, dass die Three Investigators in der Gegenwart nicht nur bestehen, sondern glänzen können.