FALLEN 03 - Baton Rouge

    • FALLEN 03 - Baton Rouge

      Fallen 03 – Baton Rouge



      Der bisherige Höhepunkt einer ungemein faszinierenden Serie!


      Mit der dritten Folge der Serie FALLEN findet die Flucht des ehemaligen Schweizer Gardisten Friedrich von Gartner mit der kleinen Marie seine atemberaubende Fortsetzung. Gleichzeitig ringt Il-Gibr darum, die Beschränkungen seiner Existenz abzuwerfen, um sich endlich voll und ganz seiner menschlichen Geliebten zuwenden zu können. Im Zuge dessen treten jedoch Wahrheiten ans Licht, die alles bisher Erlebte in ein völlig neues Licht rücken.


      Es ist schwierig, bei dieser Serie Skript und Inhalte der facettenreichen Geschichte zu thematisieren, ohne entscheidende Dinge auszuplaudern, aber wie Marco Göllner in der zweiten Hälfte dieser Episode die Handlung noch einmal rasant anziehen lässt, wie er den Spannungsbogen weiter und immer weiter spannt – bis zum großen und fast kaum mehr erträglichen Finale, das zeigt große Meisterschaft. Dabei kommt die Handlung um von Gartner und Marie zunächst, bei aller Rasanz der Verfolgungsjagd, doch eher konventionell daher, so dass man fast schon geneigt sein konnte, die Erwartungshaltung etwas zurückzuschrauben. Doch weit gefehlt: Die Doppelbödigkeit, die unversehens mit dem Fortschreiten des Plots aufgezeigt wird, dunkle Wahrheiten, die im Grunde erahnbar gewesen wären, von uns jedoch nicht gesehen werden konnten, gesehen werden wollten, und wie nicht zuletzt auf eine bitterböse Weise der menschliche Glaube an seinen freien Willen mit einem eleganten Federstrich des Autoren einfach hinweggefegt wird – das alles überzeugt auf ganzer Linie.


      Rätselhafte Vorgänge der letzten Folgen werden beleuchtet, auf einige Fragen gibt es Antworten – aber natürlich offenbaren sich auch wieder neue Mysterien, auf deren Klärung wir natürlich weiter hoffen dürfen. Vor allem rücken in dieser Folge zwei Personen in den Vordergrund, die bisher eher am Rande auftauchten, von denen jedoch klar war, dass sie noch von Bedeutung sein dürften. Unversehens treffen bei einer dieser Personen zwei Stränge der bisherigen Serienhandlung zusammen. Was jetzt noch als großer Zufall erscheinen muss, wird aber sicherlich im Verlauf der weiteren Folgen eine schlüssige Erklärung finden. Düstere Mächte scheinen am Werk, die die Handlung auf noch nicht näher ergründbare Weise beeinflussen.


      Die Dialoge sind auf ganzer Linie mitreißend und überzeugend. Die Figur des Il-Azaz sticht dabei mit seiner dämonischen Freude am ausschweifenden Exkurs hervor und erinnert dabei ein wenig an eine Figur aus dem Universum eines Quentin Tarantino oder der Gebrüder Coen. Man spürt geradezu die Freude, die es Marco Göllner bereitet haben muss, das stete Wandeln zwischen bösartigen Spitzfindigkeiten und offener Brutalität zu Papier zu bringen. Dialoge wie die unter der Beteiligung einer Figur wie Il-Azaz bergen jedoch immer das Risiko in sich, dass es mit der Lust am Fabulieren denn doch übertrieben wird und Szenen, in denen sie Verwendung finden, am Ende recht platt oder aufgesetzt wirken. Göllner dagegen hält Maß, und so dürfen wir uns an originellen Wortgefechten der Charaktere erfreuen.


      Die Regie schöpft einmal mehr aus dem Vollen und zeigt deutlich auf, warum Fallen keine Serie wie jede andere ist, sondern etwas ganz besonderes: Allein wie zu Beginn die Unfallszene aufgebaut – nein: komponiert ist: mit kurzen Erzählereinschüben, die sich mit einer szenischen Umsetzung immer wieder abwechseln, wie Göllner seinen Sprecher Wanja Mues seltsam trüb und kraftlos die Ereignisse schildern lässt, unterbrochen vom Krachen des Autos, dem Splittern der Scheiben, vom Brausen des flüchtenden Wagens, wie dies alles eingebettet ist in eine merkwürdig kalte Klangatmosphäre, bei der die umgebende Welt wie verlassen wirkt und innerhalb derer das Geräusch eines Blutstropfens mit Wucht durch die Oberfläche des Geschehens bricht – das sucht seinesgleichen auf dem derzeitigen Hörspielmarkt. Und beweist große Könnerschaft!


      Überhaupt fällt ein weiteres Mal die doch eher reduzierte Klangkulisse im Hintergrund des jeweiligen Geschehens auf. Die Welt in Fallen wirkt seltsam verlassen und kalt. Wo andere Reihen und Serien auf eine Vielzahl von atmosphärischen Geräuschen und Klängen setzen, bleibt Fallen doch meist sehr zurückhaltend. Das mag das eine ums andere Mal befremden, trägt allerdings auf ganz eigene Weise zu dieser Atmosphäre des Entmenschlichten, des Kalt-Bedrohlichen bei, die Fallen nach dieser Folge mehr noch als zuvor ausmacht – und auszeichnet.


      Die beiden Höhepunkte zum Ende hin, die hier aus Rücksicht auf alle, die diese Folge noch nicht gehört haben, inhaltlich nicht thematisiert werden sollen, sind unglaublich mitreißend und beklemmend gelungen. In beiden Twists zeigt sich, wie meisterlich die Handlung über die bisherigen Folgen hinweg konzipiert und aufgebaut wurde, um sie nun mit einem so furiosen Midseason-Finale auflösen zu können – und gleichzeitig viel Stoff für die nächsten Folgen aufzubieten.


      Doch ganz ohne leise Kritik komme ich an dieser Stelle leider nicht aus. Es gibt zwei Punkte, die in mir eine leichte Disharmonie ausgelöst haben. Da wäre zunächst einmal das Geräusch, das den Tauben unterlegt ist. Dieses äußerst artifizielle Fiepsen hat bei mir viel von der Spannung ausgebremst, die ich vermutlich empfunden hätte, wenn die Tonauswahl anders ausgefallen wäre. (Dabei verhält es sich ähnlich wie mit dem Schwerterklirren aus der ersten Episode, das bei mir eher Assoziationen zu klingenden Sektgläsern geweckt hat.)


      Das andere wäre das Wechselspiel zweier Stimmen innerhalb eines uns bereits vertrauten Monologs, das man flüssiger hätte aufbereiten können, um eine noch bessere Wirkung zu erzielen. In der vorliegenden Version wirkt es auf mich, als hätten die Sprecheranteile von Wanja Mues bereits vorgelegen, ehe die Idee zu diesem kommentierten Monolog entstanden sind, so dass man mit dem vorliegenden Material auskommen musste. Anstatt ein Ineinander-Greifen der beiden Stimmen herauszuarbeiten, ist so ein etwas hölzern wirkendes Nebeneinander beider Stimmen entstanden, bei der die des kommentierenden Sprechers noch dazu seltsam leidenschaftslos klingt, so dass es im Ganzen ein wenig halbgar wirkt und nach meinem Empfinden nicht das volle Potential ausgeschöpft wird, das in dieser Szene möglich gewesen wäre.


      Hervorragend dagegen wieder einmal die Auswahl der Musikstücke, die jedes Mal gekonnt die jeweilige Stimmung innerhalb der Szenen aufgreift und so auf vorzügliche Weise Übergänge zu den jeweils nachfolgenden Szenen schafft. Besonders hervorheben möchte ich in diesem Zusammenhang das seltsam schräge Stück direkt im Anschluss an den kurzen Dialog zwischen von Gartner und Marie, das direkt dem kindlichen Lachen des Mädchens folgt und Raum bietet für wildeste Spekulation. Und, zu einem späteren Zeitpunkt, die abgewandelte Version des Fallen-Themas mit Akustikgitarre, das an einer entscheidenden Stelle der Handlung einsetzt und das Gefühl von Trauer und Beklemmung, das im Hörer ausgelöst wurde mit dem gerade erst abgeschlossenen Geschehen, noch weiter verstärkt. An Stellen wie diesen wird die Musikauswahl fast schon zu einem eigenständigen Akteur innerhalb des Hörspiels. Großartig, wie hier immer wieder aufs Neue die eigenen Möglichkeiten ausgelotet werden.


      Die Übergänge zwischen den einzelnen Szenen werden auch dieses Mal wieder durch manchen für die Serie mittlerweile typischen Effekt eingeleitet, wenn dies bei dieser Episode auch weniger dominant geschieht als bei den Folgen davor. Vor allem Il-Azaz‘ schepperndes: Weiter, weiter, weiter!, flankiert von krachenden Sounds, überzeugt dabei auf ganzer Linie.


      Die Sprecher bieten ein weiteres Mal Leistung auf höchstem Niveau. Stellvertretend seien an dieser Stelle Michael Prelle als Il-Azaz genannt, der seine Darbietung als ein bei aller Bosheit doch für sich einnehmender Schurke grandios mit Leben erfüllt, und Wanja Mues, dem man das Leid des vom "Schicksal" Geschundenen in jeder Sekunde voll und ganz abnimmt. Die Tücken, mit denen sich die von ihm dargestellte Figur herumzuplagen hat, erreichen spätestens mit dieser Folge die Dimension einer griechischen Tragödie, und es ist nicht zuletzt seinem Talent zu verdanken, dass es dabei niemals abgeschmackt oder übertrieben wehleidig zugeht, sondern immer überzeugend, immer mitreißend, immer beklemmend authentisch.


      Interessant übrigens, dass eine Sprecherin im Booklet nicht genannt wird: Wie es scheint, greift das originelle Fräulein Soderquist unversehens in die Handlung ein und kündigt einen größeren Auftritt in einer der nächsten Folgen bereits in dieser Episode an. Wir dürfen also gespannt sein auf die toughe, wenn auch anscheinend von inneren Dämonen geplagte Abgesandte des Kardinals.


      So bleibt im Fazit festzustellen, dass wir es mit Fallen 03 – Baton Rouge mit der inhaltlich sicherlich stärksten der bisher erschienen Folgen zu tun haben. Kleinere Abstriche beim Sounddesign und dem Aufbau eines kommentierten Monologs werden durch die meisterliche Umsetzung im Ganzen, den überragenden Plotverlauf, hochmotivierte Sprecher und ein ansonsten auf ganzer Länge überzeugendes Klangbild locker ausgeglichen. Marco Göllner beweist ein weiteres Mal, dass es ihm nicht genügt, auf bereits zertretenen Pfaden zu wandeln: Er versteht es meisterlich, dem alten Medium Hörspiel immer wieder neue Facetten des akustischen Erzählens abzuringen, ohne dass dies zur reinen Masche oder schnöder Effekthascherei verkommt.

      FALLEN ist und bleibt Hörspiel-Unterhaltung auf allerhöchstem Niveau.


      :st: :st: :st: :st: :st:

    • Vielen, vielen Dank! Schön, dass Du jetzt voll und ganz im Fallen-Fieber steckst. Bei mir muss es noch etwas warten, zuerst muss ich mein Monster 1983 Fieber mit beiden Staffeln "kühlen". Aber dann ist Fallen 1-3 wieder dran. Schön, dass es so gute Serien zu hören gibt!
      Wenn Du ein Schiff bauen willst, so trommle nicht die Leute zusammen, um Holz zu beschaffen, Werkzeuge vorzubereiten, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen sondern wecke in ihnen die Sehnsucht nach dem Meer.

      Antoine de Saint-Exupery
    • Auch Euch beiden vielen Dank für die lieben Worte. :blush:
      Es freut mich vor allem auch, den alten Weggefährten von experiment-stille zeigen zu können, dass es durchaus auch Produktionen gibt, die mich auf ganzer Linie zu überzeugen wissen - da ich ja dort als notorischer Meckerpott galt (und es - mMn berechtigterweise - auch gewesen bin).

      Für mich muss halt alles in sich stimmig sein, der Skriptschreiber darf es sich nicht zu leicht machen und die Geschichte nicht ins Hanebüchene abdriften, dann ist das bei mir mindestens schon die halbe Miete. Wenn dann noch, wie bei Fallen, Ehrgeiz und Kreativität bei der Art der Inszenierung hinzukommen - Sahne! :]

      Und das alles wohlgemerkt bei einer Serie, in der es um gefiederte Männer-Engel geht. Sorry, aber die Prämisse ist einfach so beknackt, dass ich Göllner wirklich für einen außerordentlichen Skript- und Regiekünstler halte, um eine Geschichte mit so viel Trashpotential derart hochwertig umzusetzen. Storys wie diese kloppe ich sonst nämlich eigentlich unbesehen in die Tonne. =)